Die Köpfelschlingen sind das Problem!
Freitag, 4.7.25 ca. 8.20 Uhr Ortszeit.
Nichts geht mehr, trotz perfekter Vorbereitung. Wir hatten mehrere Übungsabende in Garching abgehalten, um Sicherungstechnik zu trainieren. Wir haben verschiedenste Seilschaftsabläufe wie gleitendes Seil, gestaffeltes Klettern usw. geübt. Wir haben eine Probe-Mehrseillängentour in Konstein gemacht. Wir haben uns vor zwei Tagen genau das Wetter angeschaut und einen Plan zurechtgelegt. Und jetzt das. Wir stehen wortwörtlich vor dem aus.
Auf so eine Situation haben wir uns ehrlich gesagt nicht vorbereitet. Haben wir die falsche Entscheidung getroffen, als wir beim Material-Check vor dem Losfahren feststellten, dass wir eigentlich mehr Köpfelschlingen für die Klettertouren um die Saarbrücker Hütte in der Silvretta brauchen?
Wir, das sind Thomas, Jirka und Marcel. Zwei Teilnehmer hatten abgesagt. Vermutlich in weiser Voraussicht. Die fehlenden Schlingen wurden uns zum Verhängnis. Müßig darüber jetzt noch zu diskutieren, wo es offensichtlich geworden ist. Hätten wir die Schlingen nicht geholt, wäre es sicher anders gekommen. Jetzt ist der Reifen platt und ein Schraubenkopf abgerissen. So können wir nicht los. Wir stehen in einer Garagen-Ausfahrt in Garching, wo wir den Tourenleiter, der nochmal schnell nach Hause gelaufen ist, um die zusätzlichen Sicherungsschlingen zu holen, aufsammeln wollten. Ein Bordsteinschrapper hat den Reifen zerfetzt, der Einsatz von roher, ungebändigter Kraft hat den Schraubenkopf abgerissen.
Allein die vielen Übungsstunden haben uns zu einem in höchsten Maßen resilienten und hoch performanten Team zusammengeschweißt, welches selbst in Extremsituationen wie dieser, einen kühlen Kopf bewahrt. In kürze. Wagenheber und Werkzeug raus, zeitgleich Organisation von zwei neuen Sommerreifen nebst spontanem Termin beim Reifenhändler. Problem: Schrauben an Vorderrad und Schrauben an der Ersatzradhalterung am Unterboden lassen sich nicht lösen. Lösung: Beschaffung von WD40. Problem: Schrauben lassen sich immer noch nicht lösen. Lösung: Beschaffung von Wagenkreuz und Verlängerung von einem technisch versierten Nachbarn (zufällig Mitglied des DAV Garching Vorstandes). Vorderreifen kann demontiert werden. Problem: Eine Schraube der Ersatzradhalterung wird dabei abgerissen, die andere Schraube sitzt immer noch fest. Lösung: Planänderung. Beschaffung eines Winterreifens mittels Fahrradanhänger. Montage Winterreifen. Fahrt zu Reifenhändler, Räderwechsel. Fahrt zu einer Werkstatt. Fix des Ersatzradhalters am Unterboden. Status: Fahrbereitschaft wieder hergestellt, Autobahnfahrt möglich. Unverzügliche Wiederaufnahme des Originalplans (Für alle die es vergessen haben: Klettern an der Saarbrücker Hütte.
Mit nur knapp 4h Verspätung führen wir mit der tiefen Befriedigung, auch höchst komplexe Probleme als Team lösen zu können, an den Vermuntstausee. Bis 18 Uhr waren wir an der Saarbrücker Hütte und damit pünktlich zum Abendessen. Damit hätten wir die kritischsten Punkte abgehakt. Die geplanten Übungen zum Legen von Schlingen und Setzen von Friends wurde ebenfalls noch erfolgreich nach dem Essen absolviert, Tourenplanung sowieso. Ein abwechslungsreicher Tag ging damit mit „Vo Üs“ Limo auf der Hütte zu Ende.
Endlich klettern!
Samstag, 5.7.25 ca. 8:00 Uhr Ortszeit
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer kurzen Beratung mit dem Hüttenwirt starteten wir bei sonnigem Wetter zu unserer geplanten Klettertour über den Ostgrat auf den Kleinlitzner (2783 m ü. M.), einen schönen Gneisgipfel, der rund 250 Meter über der Saarbrücker Hütte thront. Der Zustieg beginnt direkt oberhalb der Hüttenterrasse, gleich neben dem Dach – kürzer kann ein Zustieg kaum sein.
Unser Tourenführer Marcel übernahm den Vorstieg, während Thomas und Jirka sich beim Sichern abwechselten. Es folgte eine wunderschöne Mehrseillängentour über plattige, teils grasdurchsetzte Felsen, durch Verschneidungen, über zwei markante Türme und mit jeder Menge schöner Kletterei. Dabei hatten wir viele Gelegenheiten, unter Marcels wachsamen Augen und mit guten Tipps aus seinem Erfahrungsschatz die zuvor eingeübten Seilschaftsabläufe „in echt“ zu erproben. Mit jeder weiteren Seillänge wurde die Kletterei flüssiger, das Tummeln am Standplatz kontrollierter, die Materialübergabe reibungsloser. Ein etwa 100 Meter langer, horizontaler Abschnitt bot uns zwischendurch die Gelegenheit, zur Abwechslung auch das Gehen am gleitenden Seil zu üben.
Unterwegs konnten wir die beeindruckende Umgebung mit dem Großen Seehorn und dem Großlitzner bewundern, genauso wie den Silvrettagletscher, der nach und nach im Südosten auftauchte. Gelegentlich donnerten auf der gegenüberliegenden Talseite große Felsbrocken mit lautem Getöse den Hang des Großlitzners herunter. Jedes Mal aufs Neue ein spannendes Spiel: Entdeckt man sie aus der Ferne, bevor sie stoppen?
Unterdessen zog sich um die umliegenden Gipfel eine zunehmend dichtere Wolkendecke zusammen. Da die Wettervorhersage für den frühen Nachmittag Gewitter ankündigte, beschlossen wir, dass Marcel alle Seillängen im Vorstieg übernimmt, um zügiger voranzukommen und nicht mitten in den Felsen von einem Wetterumschlag erwischt zu werden.
Pünktlich um 12:00 Uhr standen wir schließlich auf dem aus großen Felsblöcken bestehenden Gipfel. Von dort konnten wir eine grandiose Aussicht genießen, machten das obligatorische Gipfel-Selfie und verspeisten unsere mitgebrachte Brotzeit. Die schwarzen Wolken mahnten uns zur Eile, also machten wir uns ohne langes Zögern an den Abstieg über den Kleinlitzner-Klettersteig, der durch eine tiefe Verschneidung führt. Kurz vor dem Ende haben wir in plötzlich aufgegangener Sonne festgestellt, dass aus dem Regen wohl doch nichts wird, und gönnten uns auf einem kleinen Grashang ein halb-gemütliches Päuschen zum Chillen.
Zur Hütte war es dann nicht mehr weit, und um 14:30 Uhr beendeten wir unsere Tour bei bestem Wetter. Die naheliegende Idee, uns mit einem Kaiserschmarrn zu belohnen, setzten wir umgehend in die Tat um. Danach kreisten unsere Gedanken vor allem um die Frage, ob der Magen es rechtzeitig schaffen würde, bis zum Abendessen wieder Hunger zu bekommen – Gedanken, von denen wir uns mit Ratschen und Lesen ablenken.
Naß!
Sonntag, 6.7.25 ca. 4:30 Uhr Ortszeit
Der letzte Tag unseres dreitägigen Alpinklettertrainings begann früh und im Schein unserer Stirnlampen. Die Wettervorhersage versprach gemischte Bedingungen mit möglichen Gewittern am Nachmittag, daher entschieden wir uns für ein Thermofrühstück um 4:30 Uhr. Um 5:45 Uhr brachen wir in Richtung Kromerlücke auf.
Ein kleiner Navigationsfehler führte uns kurzzeitig in Richtung Klettersteig – Müdigkeit lässt grüßen! Doch bald fanden wir den richtigen Weg, der selten begangen und teilweise weggespült war. Der Südwestgrat des Kleinlitzner sollte als Übung im Vorstieg und Gehen am gleitenden Seil dienen. Da auch der Abstieg und die Heimfahrt anstanden, war eine Umkehr vor dem Gipfel geplant.
Wir übten Seiltransport, Sichern, das Gehen am gleitenden Seil sowie das Legen von Schlingen und Friends. Allerdings waren wir etwas langsamer unterwegs als am Vortag. Ein Teilnehmer hatte Knieprobleme, weshalb wir früher umkehrten. Auch auf dem Rückweg durfte ein Kursteilnehmer vorsteigen.
Nach einer kurzen Riegelpause an der Kromerlücke stiegen wir über Wegreste und loses Geröll ab. Das Knie hielt durch. Kaum aus der Geröllhalde heraus, begann es zu regnen. Dank des Knieproblems blieben wir also vom Klettern im Regen verschont.
An der Hütte empfing uns der leckere Duft von gebratenem Knoblauch aus der Küche. Also doch auf der Hütte Mittag essen? Wir entschieden uns, den Abstieg ohne Mittagessen anzutreten und zur Knieschonung über die Straße abzusteigen. Durch den dichten Nebel kam uns der Weg mindestens doppelt so lang vor. Kaum am Auto angekommen und umgezogen, begann es erneut zu regnen. Also wieder genau die richtige Entscheidung getroffen!
Also gleich ins Auto und ab richtung Zuhause. Hinter Ischgl machten wir noch einen Stopp beim Italiener für ein wohlverdientes Mittagessen. Mit unserer eigenen Regenwolke im Schlepptau fuhren wir weiter und warteten an einer Tankstelle, bis die Wolke weitergezogen war. Die Heimfahrt endete schließlich mit einem Stau in Garmisch.
Ein ereignisreicher und lehrreicher Tag ging zu Ende, und wir kehrten mit vielen neuen Erfahrungen und gestärktem Teamgeist nach Hause zurück.
