Renate Saffert: Venediger-Tour (30. Juli bis 3. August 2001)
Pünktlich um halb eins fährt in Hollersbach das Nationalparktaxi vor mit dem Hüttenwirt am Steuer. Der kleine Bus bringt uns von 700m auf 1600m hinauf, was einige Anstrengung erspart. Daran anschliessend gibt es noch eine Materialseilbahn, die unsere Rucksäcke weitere 600 hm trägt. Nur wir müssen selber laufen bis zur Neuen Fürther Hütte (2201m), unterwegs bestäubt von den Wasserfällen des Hollersbaches. Den Weg am nächsten Tag zur Larmkogelscharte (2934m) auf der gegenüberliegenden Hangseite haben wir schon beäugt, heute sind wir um 7:30 Uhr abmarschbereit. Der Aufstieg am See entlang zieht sich stetig steil dahin, um 10 Uhr sind wir in der Scharte. Dort wehen tibetische Gebetsfahnen. Wir lassen die Rücksäcke liegen und klettern ein bisschen hinauf zum Larmkogel (3022m), zufrieden über den ersten Dreitausender. Wieder zurück in der Scharte, wenden wir uns dem Abstieg Richtung Neue Thüringer Hütte zu. Die Geröllhalde im Abstiegshang ist streckenweise etwas locker, wir müssen uns vor Steinschlag in Acht nehmen. Schon in Sichtweite der Hütte beginnt die grasbewachsene Region und dort ist auch Zeit, ein wenig zu rasten, zu trödeln und nach seltenen Steinen Ausschau zu halten. Sind wir doch jetzt im berühmten Habachtal, von wo einige der wertvollsten Edelsteine der Welt herstammen, Smaragde in Königskronen beispielsweise. Die Hüttenwirtin auf der Neuen Thüringer Hütte (2212m) ist eine ganz besondere, und später am Nachmittag kommen wir mit ihr ins Gespräch. Vorher haben wir es uns auf der Terrasse in der Sonne wohl sein lassen und ab und zu einmal den Hang taxiert, den wir morgen gehen wollen. Da werden wir wohl die ganze Ausrüstung brauchen, denn von oben grüßen Schnee und Eis. Es wäre deshalb eigentlich angebracht, einmal die diversen Gurte anzuprobieren. Siehe da, mein Vorschlag mobilisiert die Freunde, und so breiten wir unsere Utensilien auf Tischen und Bänken aus, steigen in falsch eingestellte Gurte verkehrt herum hinein, üben den richtigen Knoten binden und knüpfen schon mal die Prusikschlinge unter dem Motto "so bequem wie hier haben wir es unterwegs nirgendwo", sehr zur Freude der übrigen Hüttengäste, die neugierig schaudernd das martialische Tun betrachten. Zum Schluss üben wir noch Einbinden ins Seil, und danach gibt es Gulasch mit Kartoffeln und Salat zur Belohnung.
Der Aufstieg zur Schwarzkopfscharte (2861m) auf der Schattenseite am Morgen geht ein Stück über Wiese und Felsen. Am Schneefeld queren wir das Habachkees bis zur Felseninsel, dann folgt wieder eine Kehre. Dann geht es rechts hinaus auf den Gletscher, es wird steiler. Henning macht verlässlich große Tritte, nur auf die Füsse schauen, jeder Tritt mit höchster Konzentration. Die seitliche Felswand kommt endlich näher, ist aber noch lange nicht erreicht. Die Sonne steigt über den Grat und beleuchtet uns. Es wird wohl reichen, dass der Schnee noch fest bleibt und wir nicht einsinken, obwohl hier schon lange kein Frost mehr herrscht. Schnell ist die Scharte erreicht. Trinkpause! Auf der anderen Seite geht es nur anfangs wieder so steil hinab.
Für eine verdiente Rast findet sich eine sehr schöne Wiese mit Wasser und Blumen. Die Aussicht auf die gegenüberliegenden Felswände und Kare und auf den weiteren Weg im Hang gegenüber ist spektakulär. Leider liegt diese Wiese noch ziemlich hoch, und unser Weg geht hinab in das Tal von Innergschlöß. Dort führt uns eine Holzbrücke über den reissenden Viltragenbach, dem ich gebannt bei seiner gewaltigen Arbeit zuschauen muss. Über Grasboden führt ein Steiglein gleichmäßig steil hinauf Richtung Alte Prager Hütte, wir sind auf dem Venediger Höhenweg. Nach dem steilen Aufstieg führt uns ein Höhenweg weiter zur verfallenden Alten Prager Hütte (2489m), und als wir um die Ecke biegen, öffnet sich die Aussicht auf den Unteren Keesboden. Kann man sich lustvoll anschauen, weil wir da gewiss nicht hinaufgehen. Bis zur Neuen Prager Hütte (2796m) sind es noch ein paar Höhenmeter, die nicht enden wollen. Es ist die längste Etappe der Tour mit den meisten Höhenmetern. Es geht durch schöne Felsblöcke mit vielen Blumen und rinnenden Wassern. Noch eine kleine Rast unterhalb der Hütte, denn dort oben sind viele Leute, und mit uns werden es bald noch mehr sein.
Am Morgen auf der Hüttenterrasse ziehen wir gleich Brust- und Sitzgurte an. Zunächst geht es zwischen den Felsen hinauf auf das Schlatenkees. Links von uns erhebt sich eindrucksvoll die Schwarze Wand, dahinter das Rainertörl, dazu wallende Nebel aus dem Tal, darüber die aufgehende Sonne. Die erste Spalte lässt sich noch mit einem Tritt überqueren, dann kommt eine, die zu breit zum Überspringen ist. Unser Führer hackt einen ebenen Tritt und sichert ihn ab. Es kommen noch ein paar ähnliche Stellen, die wir passieren. Guido verkündet das Erklimmen der 3000m-Grenze. Bald ist die Venedigerscharte (3413m) erreicht, und der elegante Gipfelaufschwung des Großvenediger (3667m) in Sicht. Wir stehen jetzt auf dem Oberen Keesboden. Wir könnten geradeaus hinauf marschieren, aber unser Führer legt eine neue Spur an, die rechts hinauf führt zum Kleinvenediger (3477m). In der Schulter ist die Aussicht auf den mächtigen Gipfelhang des Großvenediger spektakulär. Es sind wirklich nur zehn Minuten bis hinauf, wir sind ganz für uns alleine. Henning ruft herunter, hier sei schon der Gipfel. Da lassen wir Seil und Rucksack sein und folgen ihm hinauf, was sich sehr gelohnt hat.
Schräg hinüber geht es weiter zur Spur auf den Hauptgipfel. Die knapp zweihundert Höhenmeter werden immer länger anstatt zu schrumpfen, die Trampelspur verschwindet am blauen Horizont. Dort wollen wir hin, es ist nicht mehr weit und rückt trotzdem immer weiter weg. Ich zwinge mich, nicht so oft hinauf zu schauen. Wie geht es weiter nach dem Horizont? Rechts weist eine breite Spur die letzten Meter zum Gipfel. Es sind schon einige Bergfreunde droben, sitzen und stehen herum, ebenso die Rucksäcke. Ein kühles Lüftchen erfrischt uns, weiter geht es auf dem breiten Gipfelplateau voran. Die Spur wird schmäler und endet in einer etwas ausgesetzten Spur mit dem Gipfelkreuz. Meine Augen sehen rechts und links davon nur blauen Himmel, der sich sehr schräg nach abwärts mit Weiß trifft. Da drüben die Dreiherrnspitze, dort hinten der Großglockner, der sich gleich wieder verhüllt, unter uns der Kleinvenediger. Soweit man sehen kann, sind alle Berge niedriger, und es ist ein unwirklich leichtes Gefühl der Wahrnehmung, das sich fest in die Erinnerung einprägt. Etwas essen und trinken, der Wind kühlt uns jetzt aus und zerrt an den Kleidern. Das Gruppenfoto von uns macht eine schneidige junge Bergführerin. Unterhalb des Gipfelhanges gönnen wir uns eine ausgiebige Rast mit Brotzeit.
Wir wenden uns nach rechts das Mullwitzkees hinab in weitem Bogen, vorbei am Rainerhorn. Schließlich machen wir eine Überschreitung und der Abstieg ist anders als der Aufstieg. Eine weite und sanfte Mulde gehen wir hinab. Etwas weich und sulzig wird der Schnee, unter uns ist noch so eine graue Fläche, die sich dann als angetautes Blankeis zu erkennen gibt. Von unten grüßt das Franz-von-Defregger-Haus. Gleich unterhalb der Hütte befindet sich ein wahres Kleinod: Durch einen blauen Teppich von Speik fließt ein munteres Bächlein, ein kleinerer Teppich von rosa angehauchtem Gletscher-Hahnenfuß schließt sich an, die ganze Fläche durchsetzt von kleinen Enzianen, pinkfarbenem Läusekraut und himmelblauem Vergissmeinnicht, am Rande kleine Polster von Fingerkraut.
Das Defreggerhaus ist keine AV-Hütte, und unser Führer wird mit "um zwoa kimmst wida mit Geld und Ausweisen" erst einmal vor die Tür gescheucht. Hauptsache ist ein Getränk, das man nur gegen Barzahlung bekommt, kein vertrauensvoller Zettel wie auf den anderen Hütten. Das Abendessen ist ziemlich knapp, so richtig satt wird man nicht davon. Im Damenwaschraum ist das Licht kaputt, und in der Gaststube unter meinem Bett nistet sich eine Schwatzgruppe ein, die mich immer wieder aus dem Schlaf reißt. Beim fünften Mal wird es mir zu dumm und ich klopfe kräftig mit dem Stock auf den Boden. Es ist genau 1:27 Uhr, Hüttenruhe scheint es keine zu geben. Es poltert dann durchs Haus Richtung Lager. Beim Frühstück testet Günther die Standhaftigkeit der Stirnfläche des Tisches mit dem Knie, er siegt, die Kaffeetassen wackeln, die Tischdecke fängt das kostbare Gebräu auf, die Teilnehmer schimpfen. Nur Guido lacht, der hat seinen Kaffee schon im Bauch.
An der Johannishütte (2121m) treffen wir die Vorausgeeilten. Von hier wurde die erste Besteigung des Großvenedigers erfolgreich gestartet unter Erzherzog Johann, wovon der Hüttenname zeugt. Ein breiter Forstweg nimmt uns auf, man muss nicht immer auf seine Tritte achten und kann umher schauen. Blick zurück zum mächtigen Venediger. Das Dorfer Tal von seinem Ursprung aus zu durchlaufen ist sehr reizvoll. Zum Schluss noch ein Stück Asphaltstraße, und wir sind im Dorf. Hinterbichl (1329m), friedlich, malerisch, Hotel mit langer Tradition, ein echtes Handtuch in der Damentoilette, Essen schmeckt, der Bach rauscht, unsere harmonischen, vollen Tourentage klingen aus.
12.01.2006