DAV Sektion Garching: Tourenberichte 2009
Ulrich Hermisson: Klettersteige am
Monte Schiara in den
Belluneser Dolomiten
(02.–06. September 2009)
Es geht los! Treffpunkt Maibaum in Garching, Mittwoch (02.09.2009) um 8 Uhr, ein angenehmer, leicht feuchter Morgen. Mit zwei Autos fahren sieben kletterfreudige Mitglieder der Sektion – Guido, Carmen, Eckehart, Oliver, Daniela, Matthias und Ulrich – Richtung Belluno, wo am Case Bortot (694m), dem vereinbarten Ausgangspunkt, Josef unsere Gruppe ergänzen wird. An der Grenze zu Italien, am Brenner, machen wir eine traditionelle Cappuccinopause. Von hier fahren wir sozusagen durch das Herz der Dolomiten, vorbei an den Drei Zinnen und Cortina d'Ampezzo nach Belluno mit dem Fluss Piave am südöstlichen Rand der Dolomiten, und nach kurzem Schreckensmoment, als beim abschließenden Anstieg einer der Wagen einige Zeit überhitzt stehen bleibt, erreichen wir um 15 Uhr den Parkplatz am Case Bortot. Unser nun folgender Aufstieg bei leicht bewölktem Himmel zum Rifugio Settimo Reggimento Alpini al Pis Pilon (1502m) ist bereits eine eindrucksvolle Wanderung: Ein breiter, aber nicht zu unterschätzender Weg führt in etwa drei Stunden zur Hütte, zunächst noch teilweise bergab an den steilen Hängen bis zum Talschluss des tief eingeschnittenen, bewaldeten Ardo-Tales mit dem Ardo, einem Wildbach, der in der Nähe des Rifugio entspringt und in Belluno in den Piave mündet und den der Weg mehrfach überquert. Abwechselnd links und rechts des Baches geht es dann zügig bergan. Es heißt, dass in dem Nationalpark während der Eiszeiten einige Gebiete eisfrei geblieben seien, weshalb man hier viele sonst seltene Tier- und Pflanzenarten entdecken könne. Wir sind freilich schon von den spektakulären oder bizarren Formationen und den Farben der Felsen und der Wasserbecken des Baches fasziniert. Das Drahtseil der alten Materialseilbahn zeigt die genaue Richtung der Hütte, weiter oben sieht man auch das der neuen Materialseilbahn, die aber hoch auf einem Grat abgestützt ist – so weit müssen wir heute nicht mehr aufsteigen! Bis 19:30 Uhr sind wir alle angekommen. Der Hüttenwirt, ein gut gelaunter Italiener, dessen Laune mit steigender Anzahl von Gästen nur noch besser wird, hat einen alten Schäferhund und die Hilfe von einem Signorino und einer Signorina, die sogar ein wenig deutsch spricht. Dass Guido unser guida alpina ist, leuchtet ihnen ja sowieso ein, aber dank Guidos perfekter Organisation sind wir auch schon erwartet worden. Um 20 Uhr erholen wir uns beim Abendessen, von einem mit der italienischen Kochkunst vertrauten Wirt frisch und lecker zubereitet und an diesem und den folgenden Abenden ein besonderer Genuss: Es gibt zuerst Spaghetti mit Tomaten oder alla bolognese, dann Gulasch oder eine Scheibe gebackenen Käse, jeweils mit Polenta, zum Nachtisch Apfelstrudel oder Apfelkuchen. Dazu Weißbrot, das gute Quellwasser und Rotwein oder auch Weißbier (ja, im falschen Glas ...), und wir gehen todmüde um 22 Uhr zu Bett.
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In der Nacht zum Donnerstag (03.09.2009) weckt uns ein Gewitter, morgens ist der Himmel bedeckt bei leichtem Regen. Zum Frühstück gibt es reichlich Kaffee mit Milch oder auch Tee, ein Becherchen Saft, dazu Weißbrot mit diversen Päckchen Butter, Marmelade, Honig, Nutella, Zwieback. Um 8 Uhr weist uns Guido in die Verwendung der Klettersteigsets ein – für alle außer mich ist das schon Routine. Um besseres Wetter abzuwarten, machen wir noch eine Cappuccinopause, und um 10 Uhr brechen wir bei Sonne und Wolken, Windstille und optimaler Temperatur zu einem ersten Klettersteig als Einstiegstour auf. Auf dem Weg, und das haben wir wohl dem feuchtwarmen Wetter zu verdanken, treffen wir auf zahlreiche schwarze Salamander (Alpensalamander, Salamandra atra), die scheinbar neugierig auf dem Weg herumklettern, und auch auf kleine Baumschnecken mit ausgeprägtem Bandmuster auf dem Gehäuse. Um 11 Uhr sind wir am Einstieg der 1963 eingerichteten Via ferrata Gianangelo Sperti (1850m), klettern um 12:20 Uhr vorbei an einer Biwakschachtel, dem Bivacco Sperti (2000m), und machen Rast um 13:40 Uhr (2150m) ohne Sicht – aber mit Südtiroler Speck und Vinschgauer, danke, Carmen und Josef! Wir werden es noch öfter genießen dürfen! Da das Wetter nicht mitspielt, kehren wir um und kommen um 17:15 Uhr wieder bei der Hütte an. Man kann hier sogar warm duschen, wenn man ein gettone kauft. Zum Abendessen gibt es eine neue Auswahl von Speisen eigens für die länger bleibenden Gäste: Speckknödel in Brühe, Salat (Tomaten, Weißkraut, Radicchio), gebratene dünne Scheiben Fleisch (carne salata) mit leicht angebratenen Kartoffeln mit Rosmarin und Salbei, zum Nachtisch wieder Apfelstrudel.
Am Freitag (04.09.2009), nach dem üblichen Frühstück, brechen wir um 8:30 Uhr zu einer Wanderung zum Monte Pelf (2506m) auf. Die Wettervorhersage insbesondere für den Nachmittag lässt Klettern nicht zu, aber eine Halbtagestour ohne Klettersteig möchten wir versuchen. Auf dem Weg überrascht uns ein Reichtum an Blumen, wir sehen eine Gämse, später auch zusammen mit ihrem Kitz, und wieder viele Alpensalamander, weiter oben gibt es reichlich Edelweiß. Die Wolken und der stärker werdende Wind erzeugen eine eigenartige Stimmung: Wenn sich eine darüberliegende Wolkenschicht öffnet, wird es um uns im Nebel hell, die Sonne können wir jedoch nur erahnen. Da es jetzt auch kälter wird, überlegen wir mehrfach umzukehren, gehen aber schließlich bis 11:30 Uhr weiter auf einen Ausläufer des Monte Pelf bis auf ein kleines Plateau in einer Höhe von etwa 2440m. Ein Graupelschauer treibt uns an, eilig den Regenschutz anzulegen, dann bläst uns der Wind auch schon wieder trocken. Plötzlich, völlig unerwartet passiert es: Die Wolken reißen auf, für Sekunden haben wir eine herrliche Aussicht bei strahlender Sonne, dann hüllen uns die Wolken wieder ein. Von diesem Erlebnis beflügelt, steigen wir wieder ab und kehren um 13:50 Uhr zur Hütte zurück. Dort bringt gerade die Materialseilbahn den Nachschub für das Wochenende – endlich wieder Weißbier! – und da es jetzt auch hier zu regnen anfängt, helfen wir rasch beim Ausladen. Den verregneten Nachmittag verbringen wir beim Kartenspielen und einem Erste-Hilfe-Kurs von Guido. Wir lernen einiges über Dreieckstücher und wie man aus Wanderstöcken und Jacken eine Trage baut, was man als Ersthelfer tun und was man lassen sollte, und welches Erste-Hilfe-Material sinnvoll oder notwendig ist. Das Abendessen: Broccolisuppe, Salat (Tomaten, Weißkraut, Radicchio), Fleisch mit Pilzen.
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In der Nacht zum Samstag (05.09.2009) stürmt und regnet es, aber nach dem Aufstehen scheint die Sonne, und es wird ein wunderbarer Tag. Wir sehen die auf uns wartenden Felswände erstmals in voller Höhe und schroffer Schönheit – dabei lässt sich der Anblick leicht erklären (diese Gegend dient vielen Geologen zur Ausbildung): Vor gut 200 Millionen Jahren lagerten sich in einem tropischen Meer (Paratethys) Sedimente ab, die vor gut 50 Millionen Jahren durch das sich nach Norden bewegende Afrika aufgefaltet wurden (bis zu 5mm pro Jahr) und auch heute noch weiter angehoben werden (1mm pro Jahr). Wind, Wasser und Schwerkraft taten ihr Werk, auf das wir nun klettern. Um 8 Uhr brechen wir zum Klettersteig Luigi Zacchi (1952 eingerichtet) auf, der in etwa 1800 m Höhe beginnt, vor uns hängen schon einige Gruppen im Fels. Es geht gleich am Anfang steil nach oben, wohl auch damit niemand den Klettersteig unterschätzt. Mit jedem erreichten Absatz wird die Aussicht noch weiter und besser, der Blick in die Tiefe und in die Ferne ist atemberaubend. Um 12:10 Uhr kommen wir an der Biwakstation Ugo Dalla Bernardina (2320m) an, direkt gegenüber der unglaublichen etwa 40 m hohen Felsnadel Gusela del Vescovà (die erstmals 1913 von Arturo Andreoletti bestiegen wurde, später unter anderem auch von Guido). Um 12:25 Uhr geht es weiter auf den Klettersteig zum Gipfel, die Via ferrata Antonio Berti (1959 eingerichtet), die auch leicht überhängende Stellen bietet, die gleich erheblich mehr Anstrengung erfordern. Um 13:45 Uhr erreichen wir den Gipfel des Monte Schiara (2565 m). Es ist wolkenlos, sonnig, das Panorama überwältigend, die Sicht reicht bis zur Adria – "... sicherlich der entzückendste, abwechselungsreichste und großartigste Berg der ganzen Dolomiten", urteilte einst der Forschungsreisende Gottfried Merzbacher (1843–1926), dessen Schiara-Besteigung am 17. September 1878 die erste dokumentierte ist. Er war begleitet von den bekannten Bergsteigern Cesare Tomé und Santo Siorpaés und einem unbekannten einheimischen Jäger, dem das nicht unerhebliche Verdienst zukam, den Weg zum Abstieg gekannt zu haben. Wir genießen diese unvergessliche Rast auf dem Gipfel und können auch auf dem Abstieg über den Ostgrat noch lange Zeit die Welt von oben betrachten. Um 14:40 Uhr erreichen wir den letzten Vorgipfel, um 15:15 Uhr das Biwak Sandro Bocco al Marmol (2280m). Über den Klettersteig Marmol (1966 eingerichtet) und zuletzt wieder ein Stück Zacchi klettern wir zum Ausgangspunkt zurück, den wir um 18:20 Uhr erreichen. Um 18:45 Uhr sind wir wieder an der Hütte und haben heute insgesamt 1150 Höhenmeter überwunden. Das schöne Wochenende hat zahlreiche Gäste angelockt, aber wir bekommen zum Abendessen einen großen Tisch in einer gemütlichen Ecke an einer ehemaligen Feuerstelle und lassen den Tag bei Spaghetti alla bolognese, gebratenem Fleisch (carne salata) mit Paprikagemüse (besonders zu empfehlen!), Bohnensalat (Cannellini) und Panna cotta ausklingen. Zum Abschied spendiert uns der Hüttenwirt einen Amaretto.
Am Sonntag (06.09.2009) ruft die Heimat mit zur Eile drängenden Verpflichtungen, um 8 Uhr brechen wir auf und steigen zügig das schöne Tal entlang ab. Ein erschöpfter Bergläufer liegt am Wegesrand und wird bereits betreut, um 10:45 Uhr sind wir am Parkplatz, wo nach einiger Zeit auch die Bergwacht und ein Arzt eintreffen und zu dem Verunglückten weitereilen. Wir fahren um 11:10 Uhr ab und treffen uns noch einmal um 13 Uhr zum Abschied an einer Raststätte am Dürrensee. Ein wundervoller, erlebnisreicher und bestens organisierter Ausflug in die Belluneser Dolomiten geht zu Ende.
Weblinks:
29.09.2009