DAV Sektion Garching: Tourenberichte 2008


Renate Saffert: Hochlagenaufforstung im Forstbetrieb Schliersee/Kreuth
(Grüneck, Bayerische Voralpen)

(14.-19. September 2008)

Groß war die Hoffnung auf schönes Wetter am Sonntagabend. Doch zunächst regnet es, auch am Montag. Da ist das bessere Quartier im ehemaligen Forsthaus in Riedlern ein großer Trost für uns alle. Hans-Eugen, Gerhard, Hans und ich von der Sektion Garching, Gustl aus Dachau, Franz aus Niederbayern, und Julian studienhalber aus Hamburg mit bayerischen Wurzeln. Leider sagt die zweite Frau ab, und so bin ich die einzige in der Gruppe. Betreut werden wir von Jörn Hartwig, der uns so manche Unsicherheit nimmt und in seiner umsichtigen Art unseren Einsatz leitet. Oft hat er das Ohr am Mobiltelefon, wenn er täglich den Hang herauf kommt und nach uns schaut. Martin, Klaus und Vitus als Forstarbeiter teilen wechselweise die Arbeit ein.

Der Montagmorgen ist ziemlich nass, so dass wir die Karte von unserem Einsatzgebiet und die neuesten Pflanztechniken noch in der warmen Stube gezeigt bekommen. Später starten wir zur Hochlagenaufforstung am Grüneck. Ich kann wenig tun, denn der Weg ist noch nicht ganz fertig. Mit dem Freischneider legen die Forstarbeiter eine Spur, und unsere kräftigen Männer bewähren sich beim Wegebau, bis der Steig zum unteren Pflanzendepot führt. Auch wenn sich am Dienstag die Regenwolken noch halten, treibt uns der Arbeitsdrang bergan. Gleich im Hang neben dem Depot dürfen wir pflanzen. Um dreieckige Holzböcke herum, 15 Lärchen nach Skizze. Dort, wo die gelben Bänder hängen. Rote Bänder sind für Tannen, orange für Kiefern, weiße für Fichten. Hat man erst einmal begonnen mit Hacken, Graben und Pflanzen, ist der Regen vergessen. Dafür fällt die Mittagspause aus, und wir gehen früher heim, denn Schuhe und Kleider sind durchnässt. Zum Abstieg haben sich die Tritte mit Wasser gefüllt. Vorsichtig taste ich mich hinab, bloß nicht auch noch auf ein feuchtes Holz treten und ausrutschen. Hans macht es vor und sieht dann aus wie ein in Meeresalgenbrei eingewickelter Kurgast. In der großen Stube steht ein solider Kachelofen, der macht alle Wäsche über Nacht wieder trocken. Was wir gestern Nachmittag schon bemerkt haben, ist am Mittwochmorgen bei 1,4°C volle Gewissheit: die Schneefallgrenze bei 1200m. Der Blaubergkamm schimmert weiß, die Felsnadeln am Riederstein ebenso - eine weiß bezuckerte Runde. Doch uns trifft das nicht, unser Arbeitsgebiet ist ein Südhang auf ca. 1000m.

Noch bevor der Wecker klingelt, bedeuten schwere Tritte auf der Holztreppe Aufstehen. Es ist noch dunkel um 6:24 Uhr. Jeder kümmert sich um sein individuelles Frühstück, schweigend ins Gespräch vertieft. Der Weg, den die Jungs angelegt haben, endet am Pflanzendepot. Weil der Tag heute trocken bleiben wird, steigen wir von da ab weglos auf zu den bunt markierten Böcken, Klaus und Martin weisen in Richtung steil bergauf. Natürlich suche ich mir den unbequemsten Anstieg aus, der viel Kraft kostet. Hans und ich pflanzen Lärchen. Die Arbeit erfordert volle Konzentration. Heute ist die Pflanzleistung der Gruppe groß.

Am Nachmittag wechseln wir in einen anderen Hang, der keine Markierung trägt. Dort sollen Latschen gepflanzt werden, die „extra für euch eingeflogen worden sind mit dem Hubschrauber“. Klar, hier würde man noch nicht mal eine schwarze Piste anlegen wollen, so steil geht es in die Tiefe. Alle 420 Latschen sind am Donnerstag in die Erde versenkt. Dazu muss man sich richtig in den Hang verbeißen, denn das lange Gras ist am Morgen nass und glitschig. Es muss erst mit der Haue abgeschlagen werden, um die darunter liegende Erde aufreißen zu können. Mit dem Pickel der Wiedehopfhaue links und rechts seitlich abtrennen, dann die Haue drehen und mit der Hacke das Zwischenstück heraus reißen. Eine Knochenarbeit, auch wenn kein Fels darunter ist. Jetzt das Latschenbäumchen in seinem Jutesack in das Loch versenken und die Zwischenräume mit Erde füllen. Ein paar Handvoll Erde müssen aus den Rasensoden heraus geklopft oder mühsam zusammen gekratzt werden. Dann ganz fest in die Seiten drücken. Es folgt der Zupftest am jungen Bäumchen, so wie die hungrige Gams das im Frühjahr auch macht. Sie soll es nicht heraus reißen können. Dann noch abdecken mit Erde, altem Gras, Steinchen, etc. zum Schutz gegen Austrocknung und damit die Lawinen wenig Angriffsfläche haben. Die Pflanzen werden in einem Korb getragen, der an einer Kraxe hängt. Solch ein Korb macht sich lustig davon und saust in die Tiefe. Doch der Franz lässt nicht locker und holt ihn aus dem Unsichtbaren herauf. Eine wunderschöne sonnige Mittagspause belohnt uns. Über mir wölben sich die Blätter einer Buche. Sie zittern ein bisschen und leuchten unter dem Sonnenschein intensiv grün. Darüber der blaue Himmel. Ich vergesse Anstrengung und Welt. Es gibt immer wieder solche Momente, wo man ganz eins ist mit seiner Umgebung.

Bei jedem Gang verbessern die Profis vom Forst den Steig, wir trampeln ihn fest, und auch das viele Wasser hat sich davon gemacht. Der Abstieg wird nahezu komfortabel. Am Donnerstag werden wir von Jörn zum Abendessen eingeladen, das freut alle. Wir bekommen sogar eine Urkunde überreicht. Dabei gibt es eine besondere Ehrung für Hans-Eugen Wien und Hans Ströl für die zehnte Hochlagenaufforstung! Noch eine letzte Kraftanstrengung am Freitag bis zum Mittag, dann sind 1500 Bäumchen in den Hang am Grüneck gesetzt.

Wenn Ihr, liebe Bergfreunde, im Winter durchs Tegernseer Tal zum Schifahren zum Achensee braust, denkt an unsere Arbeit im Sommer und überlegt Euch, ob Ihr auch einmal Bäume am Steilhang pflanzen wollt. Es lohnt sich!

Bilder von Gerhard:
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24.09.2008