DAV-Sektion Garching: Tourenberichte 2005
K. Kaiser:
Haute Route (Westalpen)
(30. April - 06. Mai 2005)
Werner Kraus hat eine 9-köpfige Gruppe von Argentiere nach Zermatt geführt. An dieser grandiosen Tour, Haute Route genannt (Karte), haben folgende Skitourengeher teilgenommen:
Rosemarie Märkl, Karl Heinz Allers, Rainer Baumgartner, Otto Breit, Peter Harjung, Armin Hetzer, Fred Kerle, Jochen Lagemann und Karl Heinz Kaiser (Bild_1).
Von Argentiere (1244m) fuhren wir mit der Aiguille-du-Midi-Seilbahn auf die Aiguille des Grand Montets (3297m). Hier wurden zum ersten Mal die Ski angeschnallt und bei strahlendem Sonnenschein ging es die ersten 650 Höhenmeter hinunter über den Glacier des Rognous auf den Argentiere-Gletscher (Bild_2). Der Aufstieg auf das Refuge d´Argentiere (2771m), schlappe 200m, wäre zu verschweigen, wenn sich der Glacier d´ Argentiere, ein gewaltiger Eisstrom eingeschlossen von himmelhohen Felsflanken, nicht so lang und flach dahin ziehen würde. Die wahrlich hohe Temperatur durch die schon sehr kräftige Sonnenstrahlung erschwert außerdem den Aufstieg. Die Hütte selbst ist außer der Sonnenterasse eine Enttäuschung. Ein lichtloser, kalter 10 Betten-Verschlag, total überfüllt und kein besonders gutes Essen, serviert in mehreren Schichten. Aber der Hüttenwirt, seine Frau und deren Sohn waren wenigstens freundlich – kein Wunder bei den Preisen! (Bild_3)
Eine Staublawine, urplötzlich abgehend auf der anderen Seite des Gletschers nicht weit von unseren Abfahrtspuren hat uns am Abend auch noch etwas nachdenklich gestimmt (Bild_4 ). Die erste Nacht hat allen nicht viel Schlaf gebracht, denn Platzangst durfte man bei der Enge nicht haben. Nach einem sehr einfachen Frühstück, Brot, ein wenig abgepackter Butter und Marmelade, ohne Teller fuhren wir zunächst wieder hinunter zum Gletscherbecken, bevor es die erste Stufe steil bergauf zum Col du Chardonnet (3323m) ging. Hier war Stau, zwei andere Gruppen waren bereits dabei auf der Schweizer Seite über die 45 Grad steile Flanke die zwei Seillängen einzeln Abzuseilen. Wir legten nur ein Fixseil und konnten so die anderen überholen (Bild_5). Weiter ging's zum Fenètra du Saleina (3261m). Der Führer wollte nicht glauben, dass man die letzten 50 Hm des steilen Anstieges im mittlerweile weichen Schnee besser zu Fuß geht und durfte es ein zweites mal versuchen, nachdem er im Canyoning-Stil vor den Augen der Gruppe „Abfahren“ musste (ohne Ski).
Wir querten anschließend das Plateau du Trient und kamen über den Col d´Orny (3098m) zum Col des Ecandies (2796m). Die Abfahrt hier war verdammt steil und eisig und war in einigen Teilen nur durch vorsichtiges Seitwärtsrutschen zu bewältigen.
Schließlich erkletterten wir nun schon etwas schwereren Schrittes das letzte Fenster, den Col das Escadiens (2796m), um endlich durch das lange Val de Arpette nach Champex abzufahren (Bild_6). Am Lac de Campex haben wir, animiert von sommerlich gekleideten Touristen kühle, belebende Getränke bestellt. Werner und Armin waren inzwischen mit unserem Gepäck mit einem VW-Bus-Taxi über die vielen Serpentinen nach Orsiers und dann nach Bourg-St. Pierre gefahren. Der normale Postbus, nur unwesentlich billiger, fuhr erst zwei Bier später.
Die Dusche in unserem Bergsteiger-Hotel in Bourg-St. Pierre haben nach der wasserlosen Zeit alle genossen. Nach einem super Essen ging es verhältnismäßig früh in die „Federn“. Die erste 1:50.000-er Landkarte der Schweiz war durchfahren.
Die Nacht war trotzdem kurz, denn um 5:30 Uhr hieß es aufstehen und um 7:00 Uhr begann der 1400 Höhenmeter lange Aufstieg zur Valsorey-Hütte (3037m), welcher völlig schneelos, mit den Skiern am Rucksack, begann. Erst ab einer Höhe von 2100m konnten wir die Ski anschnallen um sie kurze Zeit später wieder abzuschnallen, weil ein Steilstück nur zu Fuß zu bewältigen war. Das hat viel Kraft gekostet hat, weil der Schnee weich und tief war. Bei strahlendem Sonnenschein ist man aber guter Dinge und nimmt diese Widrigkeiten gelassen in Kauf. Der Weg war aber aber noch lang. Die letzte halbe Stunde war für mich eine richtige Qual. Jochen dagegen ist einige hundert Höhenmeter abgefahren und hat mich auf den letzten Metern zur Hütte nochmals überholt. Konditionswunder nennt man das umgangssprachlich.
Die Valseroy-Hütte war nicht gerade überbelegt. Ein Sherpa aus Nepal arbeitet hier als Volontär gearbeitet und hat mit dem Hüttenwirt ein hervorragendes Essen auf den Tisch gebracht (Bild_7).
Es gab kein Abendrot, kein gutes Zeichen. Über Nacht zog es zu, wurde sehr warm und begann zu regnen und das auf 3037m. Auch am nächsten Morgen war es nicht besser. Für den steilen Anstieg und die Querung unterhalb des Grand Combin, den man mit Steigeisen geht, brauchten wir harten Schnee. Leider waren die Wetter- und Schneeverhältnisse gegen uns. Wir mussten, wie auch die übrigen Gruppen in der Hütte wieder nach Bourg-St. Pierre abfahren. Die beiden Etappen zur Chanrion- und zur Vignettes-Hütte waren somit nicht mehr möglich. Von Arolla aus wollten wir aber versuchen zumindest die Etappe nach Zermatt zu machen. Wir holten also unsere Autos aus Argentiere und setzten über nach Arolla. Im Hotel du Glacier geführt von Anita und Antonio haben wir ein Lager und wieder eine warme Dusche bekommen. Das Wetter war am nächsten Tag zunächst nicht gerade berauschend, trotzdem war Abmarsch um 7:30 Uhr zum dem neuen Ziel, welches Werner vorgegeben hatte. Dies war die Cabane de Bertol auf 3311m (Bild_8). Zuerst ging es die Ski geschultert und den Mount Collon vor Augen bis auf 2300m. Rechts von uns der gewaltige Mount Collon Gletscher. Kurz nachdem wir die Ski angeschnallt hatten gab es einige Aufregung. Ein Lager von Werners Bindung war unreparierbar hinüber. Unsere Bindungen waren aber in Ordnung, denn in seinen Informationen zur Tour hat Werner uns die Überprüfung der Ausrüstung sehr ans Herz gelegt. Für Werner gab es nur den Weg zurück nach Arolla. Alle anderen konnten gemütlich bei strahlendem Sonnenschein bis zur Hütte aufsteigen. Die Cabane de Bertol gehörte uns ganz alleine, niemand sonst war an diesem Tag aufgestiegen. Die reizende Hüttenwirtin Jolanda hat uns bestens bewirtet. Übrigens ist Werner auch, allerdings ein paar Stunden später, mit einem Paar Leihski angekommen. Auf der Hütte gab es einen Fernseher, welcher für 15 Minuten eingeschaltet wurde um den Wetterbericht anzusehen. Dieser war derartig bescheiden, dass Werner und Fred die Route nach Zermatt mithilfe 11 Weg-Punkten in das Garmin GPS System eingegeben haben. Und der Wetterbericht hatte Recht. Am Col de Bertol auf 3268m standen wir im Nebel, und das hat sich in den nächsten Stunden nicht geändert. Mithilfe Kompass und GPS erreichten wir den Téte Blanche (3710 m) und haben buchstäblich nichts gesehen. Auf dem Weg dorthin hat Werner (warum immer er?) ein Fell verloren. Auch eine intensive Suche hat es nicht wieder zutage gebracht. Über den Gletscher Mount Miné gingen wir am Seil in zwei Seilschaften mit je 5 (Bild_9). Bei den Sichtverhältnissen war auch der Alptraum aller Tourengeher nicht zu vermeiden: das Abfahren am Seil. Hier verlieren alle Individualisten, jetzt geht es nur noch wie vom Ersten gezogen. Die Abfahrt am Seil hat keine Freundschaften kaputt gemacht. Unsere zweite Seilschaft hat hier sogar die besseren Haltungsnoten bekommen. Trotzdem haben sie das Seil kaputtgefahren, wessen Seil war das wohl? Mitten im Stockji-Gletscher hat sich der Nebel verzogen. Für einige hundert Höhenmeter hatten wir beste Schneeverhältnisse und alle zauberten die schönsten Schwünge in den Schnee. Der Schnee im Zmutt-Gletscher war für uns Skifahrer weniger geeignet. Faulschnee hat fast alle mehrere Male ganz gemein stürzen lassen. Danach nahm das Ski abschnallen, Ski anschnallen usw. kein Ende. An der Schönbielhütte sind wir vorbeigegangen, weil keiner Lust hatte die 150m aufzusteigen. Hat sich deshalb das Matterhorn in Wolken gehüllt? Ab den namenlosen Seen vor Zermatt auf einer Höhe von 2200m ging es dann nur noch endlos zu Fuß. Auf der Karte steht Inneri Wälder südlich von Zmutt. Um die Leiden nicht zu groß werden zu lassen, sind wir die letzen 300 Hm von Füri aus mit der Seilbahn nach Zermatt hinuntergefahren. Nur drei "Unkaputtbare" sind auch das zu Fuß gegangen.
Übernachtet haben wir im allseits bekannten Bahnhofs-Hotel.
Am nächsten Morgen gab es die ersten Ausfälle: Drei Fußkranke warfen das Handtuch.
Nachdem bekannt wurde, dass entgegen der Auskunft vom Hotel die Seilbahn vom Gornergrat zum Hohtälligrat nicht mehr fuhr und deshalb zusätzliche 600-700 Höhenmeter zur Britanniahütte zurückzulegen wären, kam ein vierter hinzu.
Von den 10 sind schließlich nur noch sechs Unerschrockene in die Bahn gestiegen. Um nicht vom Rotenboden auf den Gletscher absteigen zu müssen, versuchten wir vom Gornergrat aus einen Weg auf den Gornergletscher zu finden. Das Gelände war aber sehr zerklüftet, auch das hätte uns zuviel Zeit gekostet. Zudem hatte sich das Wetter über dem Gletscher verschlechtert. So mussten wir schweren Herzens umkehren und fuhren zur Riffelalp ab.
Rainer und Armin haben an den beiden folgenden Tagen noch versucht auf den Mount Blanc zu kommen (Bild 10). Fast hätten sie es geschafft, nur noch läppische 200 Hm fehlten ihnen zum Gipfel.. Aber ein furchtbarer Höhensturm und ein Kälteeinbruch auf minus 20 Grad zwang sie zur Umkehr.
Jo Saffert 12.01.2006