DAV Sektion Garching: Tourenberichte 2004


Dieser folgende Artikel hat dem Webmaster von allen im Jahre 2004 abgelieferten Tourenberichten persönlich am besten gefallen. Dieser außergewöhnliche Bericht besticht durch treffenden Humor und genaue Tourenbeschreibung.

Es ist mir daher eine besondere Freude, an Peter Heidl den
Goldenen Federkiel mit Alpenrose
für das Jahr 2004 zu verleihen.

Jo Saffert, Webmaster


Peter Heidl: Berliner Höhenweg (Zillertaler Alpen)
(08. - 15. August 2004)

Sonntag am Bahnhof in München: Guido begrüßt Arianne, Karen, Günter S., Helmut P., Werner Th. und mich. Die Bundesbahn bringt uns nach Jenbach, die gemütliche Zillertalbahn nach Mayrhofen und die Ahornbahn in die Höhe (1965m). Unterwegs erfahren wir vom Ende eines Tierdramas. Ein Eigenheimbesitzer hatte so wenig Essbares im Hause, dass eine entkräftete Maus, die im Keller in seinen Bergschuh fiel, sich nicht mehr befreien konnte und darin verschied. Beim Schuhanziehen fühlte es sich vermutlich recht weich an, weshalb also nachschauen? Karens empfindsame Nase ortet jedoch noch vor Rosenheim den blinden Passagier. Sie verkündet: "Tote Mäuse machen einsam" und hält großen Abstand zu dem Wanderer mit dem robusten Geruchssinn. Auf der Edelhütte (2238 m) machen wir noch in Sonne Brotzeit. Beim Ausgeher zur Ahornspitze reduziert sich die Gruppe. Unter immer tiefer kommenden schwarzen Wolken erreichen Guido, Arianne, Karen und ich den Gipfel (2973m). Der Abstieg wird durch ein Gewitter ziemlich beschleunigt; Karen erreicht mit großem Vorsprung als Erste die Hütte. Dort steht schon ein Paar frisch gewaschener Bergstiefel: die Überreste der Maus sind entsorgt.

Montag: Ein 8 Grad kühler Morgen begrüßt uns, Thomas und Helmut verabschieden sich von uns. Sie haben Bein- und Rückenprobleme und kehren um. Guido führt jetzt nur noch vier Wanderer auf dem langen Siebenschneidenweg. Blockkletterei wechselt ab mit Schotter und den Namen gebenden, vertikal verlaufenden Rippen. Außer uns sind nur noch 4 Leute unterwegs auf diesem Abschnitt mit der beeindruckenden Bergkulisse, z. B. dem Eis-gepanzerten Großen Löffler. Noch ein tiefer Einschnitt, dann hinauf zur Kassler Hütte; unterwegs treffen wir Marianne. Nach 9 Stunden sind wir auf der Hütte (2177m), wo auch noch Gerhard H. und sein Neffe Thomas zu uns stoßen. Damit sind wir immerhin 8 Bergsteiger.

Dienstag: Bei starkem, eiskalten Föhnwind ziehen wir los. Eine Föhnwalze kippt dramatisch von Süden her über den Hauptkamm. Wir überqueren Brücken, Bäche und Schneefelder. Die Seilversicherungen sind in saumäßigem Zustand. Ein großer Felsbrocken wird durch den Haken vor dem Absturz in die Tiefe bewahrt: wenigstens hier ist das Seil straff gespannt. An einer stark überströmten Felsplatte legt sich Guido ins Zeug und hält uns das Seil in hilfreicher Höhe. Eine Gruppe munterer Japaner arbeitet sich unter gegenseitigem Fotografieren hoch. Nach Blockkletterei sind wir gegen 13 Uhr auf der Lapenscharte (2701m). Nach 7½ Std. erreichen die Ersten die Greizer Hütte (2226m). Heute waren wieder mächtige Gletscher im Süden zu sehen: Floitenkees, Schwarzensteinkees. Der Anblick des Blauen Speik erfreut die Blumenfans. Die Hütte ist gemütlich, wir erleben sogar Kindergeburtstag mit Schifferklavierbegleitung.

Mittwoch: Abstieg zum Floitenkeesbach; dieser wird auf schwankendem Steg gequert. Die Japaner gucken bedenklich. Aufstieg auf einem Schwemmkegel. Über eine Aluminiumleiter gewinnen wir Höhe. Danach wie üblich Blockkletterei, durchhängende Drahtseile, Schneefelder und eine fantastische Sicht. Ein Steinschlag am Gegenhang ruft den alpinen Charakter des Höhenweges in Erinnerung. Auch heute Tag der Blumenfreunde: Edelweiß, Türkenbund, Knabenkraut und Kohlröschen. Schlag 12 Uhr stehen wir in der schmalen Mörchner Scharte (2872m), etwas unterhalb gibt es die verdiente Mittagspause. Am Schwarzsee bilden Schneereste einen idealen Fotohintergrund. Dunkle Wolken beschleunigen unseren Abstieg zur Berliner Hütte (2057m), die wir nach 7 Stunden erreichen. Zuvor ein beeindruckender Anblick: Wie Walfischrücken sieht man schmale, graue Gletscherschliffe aus dem welligen, grünen Umfeld ragen. Während draußen Sprühregen einsetzt, besichtigen wir die Hütte, die vor 125 Jahren errichtet wurde. Überall geschnitzte und teilweise bemalte Balken. Ein Speisesaal, dessen Decke sich in weit über 5 Meter Höhe im Dunkeln verliert. Beeindruckende Portraits früherer Hüttenwarte mit würdigen Bärten und Stehkrägen (Bild) zieren die Eingangshalle.

Donnerstag: Frühstücksbuffet mit peinlich genauer Abrechnung jeder Brotscheibe: vielleicht ist die Bombastik noch nicht abbezahlt. Aufstieg über eine gewaltige Seitenmoräne. Heute beherrscht das Waxeneggkees die Kulisse. Von oben kommen uns zwei Kletterkurse entgegen. Brav laufen sie am Seil, das Hüftgurt mit Hüftgurt in knappem Abstand verbindet. Vorn und hinten endet das Seil jeweils in der Hand eines Bergführers. Und der Brustgurt kommt vermutlich erst im Aufbaukurs dran! Kurz nach 12 Uhr stehen wir auf dem Schönbichler Horn (3134m). Wir lernen vom ersten Japaner, dass "Omerito" unserem "Berg Heil" entspricht und beglücken alle Nachfolgenden damit, die darob in hellste Verzückung fallen. Danach räumen wir das kleine Plateau sehr zügig, um an ruhigerer Stelle Siesta zu machen.
Nach über 7 Std. genießen wir später auf der Terrasse des Furtschagl-Hauses (2295m) den Apfelstrudel. Heute hätte es fast zum Sonnenbrand gereicht. Abends wird Ariannes erster Dreitausender gefeiert, da lässt sie sich nicht lumpen.

Freitag: Abstieg zum Schlegeis-Stausee. Der Weg führt am See entlang, das Wetter wird immer schöner. Stärkung an einer Jausenstation, dann hinauf zur Olpererhütte (2388m) mit einem Wirt, der Unfreundlichkeit wohl für kernig hält. Nach langer Rast auf der sonnigen Terrasse geht es zum Friesenberghaus (2477m) weiter, das wir nach knapp 8 Std. erreichen. Viele Wolken, doch dann steht plötzlich der Hohe Riffler frei vor uns.

Samstag: Der Weg verläuft überwiegend an einer steilen Hangkante. Der Nieselregen macht ihn nicht angenehmer. An der Kesselalm einen Becher Milch für diejenigen, die sie mögen; Marianne isst ihre letzte Banane: Es wird Zeit, dass die Tour zu Ende geht. Blockkletterei und schmale, schmierige Erdwege, von langem, nassen Gras überwuchert, wechseln sich ab. Konzentration ist angesagt, trotzdem verraten abends dunkle Flecken auf den Hosen manchen unfreiwilligen "Absitzer". Auf der Pitzenalm stärken wir uns mit Käsebrot und köstlichem Holundersaft aus hiesiger Erzeugung. Ein riesiger Raubvogel schwebt lautlos vorbei und löst wilde Spekulationen aus. Nach über 9 Stunden erreichen wir abgekämpft und tropfnass die Gamshütte (1921m). Hütte und Trockenraum sind überbelegt, wir werden auf zwei Schlafräume verteilt. Zu ihrem Pech liegt im Zimmer von Arianne ein Fremdschnarcher, der wohl die bekannten Sektionskoryphäen deutlich in den Schatten stellt. Schatten - unter den Augen - hat auch die arme Arianne am nächsten Morgen.

Sonntag: Die Philosophen werfen die Frage auf, ob Schnarchen zu den veränderbaren Dingen gehört, die man irgendwie abstellen kann oder zu den unveränderbaren, für deren Ertragen man den eigenen Gleichmut trainieren muss. Leider reicht die Zeit beim Anziehen der feuchten Kleider und Frühstücken nicht zur Klärung dieses Fundamentalproblems aus, obwohl wir am Ergebnis brennend interessiert sind. Wir beschließen, die Frage in Garching von den Vorsitzenden kompetent beantworten zu lassen. Beim Abstieg beginnt der Nebel zu steigen. Zusammen mit den langen Baumflechten entsteht das Bild eines echten "Märchenwaldes". Nach drei Stunden erreichen wir den Ortseingang von Mayrhofen. Im Café Tirol eine letzte Einkehr, dann nimmt uns die Zillertalbahn auf. In Jenbach erleben wir die Einfahrt der Achenseebahn mit ihrer "schiefen Lokomotive".
Im Bundesbahnzug hängt jeder still seinen inneren Bildern von dieser schönen Tour nach und überlegt: wohin fährt der Guido wohl nächstes Jahr?


01.12.2005