DAV-Garching: Tourenberichte 2003


?: Auslandsfahrt der Jugend (25. Juli - 03. August 2003)

(siehe auch Touren Chronik 2003)

Tag 1: Die Anreise
Früh morgens, während die anderen noch schlafen, fahre ich schon nach München, um das Mietauto zu übernehmen. In letzter Minute haben wir uns doch noch unentschieden und die etwas größere Variante genommen. So gegen 9 Uhr trifft die Mannschaft bei mir ein und nachdem alles im Auto verstaut ist, kann es losgehen. Der letzte Wettercheck und es steht fest, dass die Schweiz wohl nicht unser Ziel sein wird. Es wird an den Lago di Como gehen, bzw. in die Berge darüber. Der Zucco del Angelone wird unsere Bedürfnisse in den nächsten Tagen stillen müssen. Doch noch steht uns die Anreise bevor. Nach etlichen Autostunden und unzähligen Pinkelpausen erreichen wir endlich den Campingplatz. Schnell sind die Zelte aufgestellt und schon sitzen wir wieder im Auto und sind unterwegs zum ersten Felskontakt. Der gestaltet sich sehr positiv und lässt für den Rest der Woche mehr erwarten.

Tag 2: Die Odyssee beginnt
Mühsam wird sich aus dem Schlafsack geschält, um die Sonne zu begrüßen. Eigentlich sind ja Ferien und wer will da schon länger schlafen, wenn die herrlichen Klettertouren so nah sind? Eigentlich fast alle, aber unbarmherzig, wie ich bin, hilft alles Flehen nichts und es muss aufgestanden werden. Nach dem "Frühstücksbuffet" finden wir uns schon bald in einem weiteren Sektor im Klettergebiet ein. Die Touren hier sind lang (bis zu 12 Seillängen) und perfekt eingerichtet. Angst muss hier keiner haben, eher besteht die Gefahr in schwereres Gelände zu gelangen bei der vorhandenen Routendichte. Jede Seilschaft hat sich ein anderes Ziel ausgesucht. Schließlich steigen wir aber doch alle in dieselbe Führe ein, da der Einstiegbereich unübersichtlich ist und nicht jedes Team sein Ziel gefunden hat. Schnell kommen wir vorwärts und während die anderen noch mit den letzten Seillängen beschäftigt sind, sind Kilian und ich bereits wieder auf dem Weg nach untern. Nach einer Brotzeitpause sind wir wieder unterwegs. Diesmal versperrt uns ein überhängendes Rissdach den Weiterweg. Mit viel Kampf gelingt es Kilian schließlich die Schlüsselstelle zu knacken und mir den Weg zu bereiten. Das Gelände wird allerdings nicht viel einfacher und die zunehmende Hitze erschwert das Klettern. Fast am Gipfel angekommen sehen wir die beiden anderen Teams auf ihrer Abseilfahrt. Am Basislager treffen wir uns wieder. Während die einen lieber ein paar Sportkletterrouten abhaken wollen, ziehen die anderen noch einmal los, um ein paar kürzere Mehrseillängentouren zu klettern.

Tag 3: Der Abtransport des Verletzten
Oh Schock, gleich in der Früh gibt es den ersten Verletzten. Durch den schweren Sturz zu keiner Aktion mehr fähig muss Martin zu Tale gebracht werden. So lautet das Szenario, welches wir heute unter dem Thema "behelfsmäßige Bergrettung" durchspielen. Nachdem gestern Abend noch am Campingplatz die Grundlage geschaffen wurde, soll heute der praktische Teil folgen - hoffentlich passiert so etwas niemals! Im Lehrbuch sieht alles so einfach aus, was sich im plattigen Gelände allerdings als extrem anstrengend erweist. Jeder darf einmal Verletzter spielen, ehe wir uns wieder dem Klettern zuwenden. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen und so macht uns die Hitze ordentlich zu schaffen. Dennoch gibt keine Seilschaft auf und holt das Maximum aus sich heraus. Morgen ist ein Ruhetag und so kann jede(r) noch einmal alles geben. Wir probieren uns an einer unbekannten Route. Obwohl wir die Schlüsselstelle enträtseln können, gelingt es uns nicht, die Züge aneinander zu reihen. Geschafft geben wir auf und widmen uns dem leiblichen Wohl. In der Nacht bricht ein Gewitter über uns herein, dass wir keinen Schlaf finden. Carolin und Rebecca müssen sogar vor dem Ertrinken gerettet und ihr Zelt den Fluten preisgegeben werden. Als nach zwei Stunden der Regen langsam nachlässt, fallen wir in einen tiefen gerechten Schlaf.

Tag 4: Die Irrfahrt
Die Zelte sind inzwischen mehr oder weniger wieder trocken und der Wetterbericht telefonisch abgefragt. In Göschenen (CH) scheint die Sonne und so soll es auch die nächsten Tage bleiben. Handegg und Grimsel stehen auf dem Plan. Alpine Klettertouren in bestem Schweizer Granit - so verspricht es der Kletterführer. Als alles im Auto verstaut ist, geht es durch den Gotthardtunnel zum Sustenpass. Hier oben ist aber keine Sonne! Es regnet und die Wettertendenz ist auch nicht besonders rosig. Also wieder rein ins Auto und zurück in Richtung Süden. Ponte Brolla am Lago di Maggiore ist schnell als Ausweichziel beschlossen. Der erste Campingplatz ist voll belegt und so finden wir nur mehr eine Zeltmöglichkeit im etwas weiter entfernten Losone. Die eisigen Fluten hinter dem Campingplatz laden zum Baden ein.

Tag 5: Schweiz Plaisir
Der Klettergarten von Ponte Brolla ist einigen von uns schon bekannt, dennoch finden wir auch dieses Mal noch unbekannte Möglichkeiten. Zum Leidwesen unserer beiden Damen "wandern" wir zu den Einstiegen und benutzen nicht den fahrbahren Untersatz. Endlich am Ziel angekommen, werden die bestehenden Seilschaften durchgewürfelt. Ich möchte gerne mit Rebecca ein paar Touren klettern, während Kilian und Matthias bzw. Carolin und Martin sich zu jeweils einer Seilschaft verbinden. Nach 2½ Stunden klettern treffen wir uns wieder und Rebecca hat ihre erste 5a im Vorstieg bezwungen! Carolin ist nicht besonders begeistert, als ich sie mir als nächstes "Opfer" erwähle. Kennt sie doch meinen Hang zu schweren Touren und dazu, dass ich auch meinen Kletterpartner dazu auffordere vorzusteigen. Die Schlüsselstelle lässt Carolin im Vorstieg immer wieder "abtropfen". Erst der Tipp des Haupterschließers des Gebiets lässt sie darüber hinwegkommen. Die anschließenden Platten und Risse sind purer Genuss! Nach einigen weiteren Touren versammeln wir uns wieder und beschließen für heute aufzuhören. Die Sonne hat den Granit inzwischen so erwärmt, dass man sich die Finger daran verbrennt - wir gehen lieber baden!

Tag 6: Alpines Meisterstück
Der Sperone di Ponte Brolla bietet mit der Quarzio (6a) und 11 Seillängen eine richtige alpine Klettertour - ganz nach unserem Geschmack. Bereits früh sind wir vom Campingplatz aus aufgebrochen und hierher "gewandert". Dennoch sind bereits zwei Seilschaften vor uns. Gut eingespielt wie wir inzwischen sind, gelingt es uns jedoch bald, die anderen ein- und zu überholen. Carolin und Rebecca entscheiden sich im unteren Wandteil für die Einstiegsvariante, werden allerdings mit uns im oberen Teil die Schlüsselstelle gemeinsam knacken. Martin und Matthias folgen uns. Jeder hat eine große Wasserflasche dabei, die sich alle in einem Rucksack befinden, den Kilian trägt. An der Stelle, wo sich beide Touren wieder vereinen, entdecken wir eine nicht im Topo vermerkte Variante. Sofort lodert unser beider Tatendrang auf ins Unbekannte vorzustoßen. Der 12 kg schwere Rucksack wird an Carolin übergeben und ich stürme los. Der Sturm wird aber bald zu einem Wind und schließlich nur mehr zu einem Luftzug. Extrem ausgesetzt, überhängend und klein griffig geht es unter dem Felsvorsprung in einen Kamin. Da der Routenverlauf nicht einsehbar war, kämpfe ich nicht nur mit dem Gelände, sondern auch noch mit der Seilreibung. Mit trockener Kehle und total fertig erreiche ich schließlich den Stand, an dem Carolin mit dem Rucksack bereits auf uns wartet. Versprochen ist versprochen und so übernehme ich nun den Rucksack. Gemeinerweise haben wir uns verrechnet und die Schlüsselstelle muss ich nun mit der "Bestie" klettern. Moralisch verwerflich greife ich in die Expressschlinge, um die nächste Sicherung in Ruhe einhängen zu können. Endlich erreiche ich aber den Standplatz und der Genussklettertour sind alle Grenzen wieder offen. Jeder der Teilnehmer überwindet aber diese Stelle und so stehen wir bald alle gemeinsam am Gipfel. Auf dem Normalweg geht es hinunter und wieder zum Baden!

Tag 7: Das Ende einer Irrfahrt
Unser telefonischer Wetterdienst hat ein Hoch am Sustenpass angekündigt. Diesmal hat er allerdings recht, auch wenn noch Wolken den blauen Himmel verdecken. Wo kann man besser klettern als in der "Hölle". Der Klettergarten liegt direkt an der Sustenpassstraße und bietet Gneiskletterei an einer bis zu 30m hohen Platte. Die Kantenkletterei ist zwar anfangs etwas ungewohnt, aber bald stoßen wir auch hier in höhere Schwierigkeitsgrade vor. Eine 6b verweigert aber Kilian das Weiterklettern und so umgehen wir die Schlüsselstelle in der Nachbartour. Verglichen mit den Temperaturen unserer bisherigen Reise ist es hier oben bitterlich kalt - meinen zumindest die einen. Trotz der Kälte macht es Spaß und die Zeit verfliegt nur so. Die untergehende Sonne kündigt an, dass wir langsam mit dem Klettern aufhören sollten. Den Schlafplatz haben wir auch schon erspäht und so müssen wir nur noch unser Lieblingsgericht kochen: Nudeln. Die Parkbucht gibt alles her: fließend Wasseranschluss, einen geraden Platz und auch noch sechs Sitzgelegenheiten. Als das Wasser endlich kocht, können wir unseren Hunger kaum noch zügeln. Nach dem Nachtmahl wird alles an Ausrüstung im Auto verstaut und es geht zum Biwakplatz.

Tag 8: Die Klettergartenabklappertour
Es war kühl die Nacht hier oben auf 2300m. Die Mütze - belächelt in Italien - ist ein Utensil, welches ich jetzt nicht missen möchte. Als das Teewasser kocht, hilft es nichts und der Rest der Mannschaft muss aufstehen. Die Felsen oberhalb von uns werden bereits von der Sonne erwärmt. Weshalb hinab in die Kälte, wenn wir bereits wenige Minuten oberhalb unseres Biwakplatzes klettern können.

Die Touren sind ca. 30m lang und leider nicht besonders schwierig. Wer den Einstieg geschafft hat, bewegt sicht meistens in leichtem Gelände. Schnell sind die Sportklettertouren abgeklettert und wir müssen uns ein neues Ziel suchen. Direkt am Steingletscher gibt es einen weiteren Klettergarten mit Touren bis zu vier Seillängen. Nach einer kurzen Wandereinlage stehen wir auch schon davor. Manchmal ist weniger mehr, denn die Touren liegen so dicht beieinander, dass es schwer ist, sich zu orientieren. Nach einer Weile sind wir uns alle einig: Die Touren sind eindeutig überbewertet. Ein Überhang weckt das Interesse von Kilian und mir. Mit mobilem Sicherungsgerät rücken wir diesem in Pionierarbeit zu Leibe. Bereits der Einstieg ist vom Gletscher sehr glatt geschliffen und erfordert ordentliches Stehen. Nach ein paar Metern wird das Gelände flacher und wieder einfacher. Endlich eine Zwischensicherung und weiter geht es. Am Überhang angekommen sehe ich ein paar Bolzen, jedoch wurden die Laschen entfernt. Freundlicherweise wurde die Mutter allerdings zurückgelassen und so kann ich das Stahlseil meines Klemmkeils über den Bolzen legen und "handfest" anziehen. Der Überhang lädt weit aus und bei der Sicherung nicht gerade ungefährlich. Nach ein paar Versuchen, den Überhang direkt zu überwinden, gebe ich auf. Ein weiterer Bolzen mit einem Klemmkeil versehen dient als Standplatz und Kilian kann nachsteigen. Bei der Absicherung fühlen wir uns fast wie im Yosemite, denn die Berichte sprechen auch von solch abenteuerlicher Absicherung. Auch Kilian scheitert am Überhang und weicht nach links in die Platte aus. 20 Meter weiter kann Kilian mir Standplatz melden. Ohne Zwischensicherung musste er diese Strecke überwinden, hat dafür aber jetzt einen gebohrten Standplatz, um mich nachzusichern. Von dort, wo wir jetzt sind, geht der Überhang auch im toprope gesichert. Wie einfach es doch ist, wenn man mit einem doppelten Boden und Netz arbeitet. Während wir beide unserer Alpinlaune freien Lauf lassen, pausieren Martin und Matthias und sehen den Steinen zu, die vom Gletscher ins Gletschertor fallen. Carolin und Rebecca klettern noch, finden sich allerdings auch bald im Basislager ein. Etwas enttäuscht ziehen wir los zum Hotel Steingletscher, um einen Kuchen in unsere leeren Mägen zu schieben. Die Lust ist noch groß und so sehen wir uns noch einen dritten Klettergarten an diesem Tag an. Endlich gibt es tolle Touren, welche allen gefallen. Leider wird es bald dunkel und wir beziehen unser Quartier wieder.

Tag 9: Felsenhunger
Der gestrige Tag hat uns wieder heiß auf Stein gemacht. Die "Platten" am Sustenpass, so heißt der Sektor, ist unser heutiges Ziel. Nach den vorherigen Tagen sind wir gespannt, wie die Bewertung hier ausfällt. Nach dem gemeinsamen Zustieg trennen wir uns, denn jede Seilschaft hat sich ein eigenes Ziel ausgesucht. Kilian und ich wollen die "Solothurner" (5c+) und anschließend die "Goldregen" (6a-) klettern. Während Carolin und Rebecca sich "Sven Glückspilz" (4c) und "2CV" (5a) ausgesucht haben. Martin und Matthias besuchen derweil die "Petra" (5c). Schöne Seillängen liegen hinter uns, als die Sonne langsam aber sicher immer unbarmherziger brennt. Der Bach am Rucksackdepot kühlt nicht nur des Kletterers Hände (und Füße), sondern auch dessen Durst. Während es am Wärmsten ist, steigen Kilian und ich in "Lucky Luke" (6a+) ein. Nur wir schaffen es einfach nicht, schneller als unser Schatten zu klettern. Ob es an der Hitze, den bisherigen Tagen oder einfach nur an uns liegt, lässt sich schwer sagen, denn die Tour wird immer mehr zum Mysterium. Die Schlüsselstelle schon weit hinter unter uns, verweigert sich die letzte Seillänge uns. Kämpfend und fluchend erreichen wir aber beide den Standplatz. Die Damenseilschaft genießt derweil das Sonnenbad. Inzwischen haben wir uns alle wieder versammelt und klettern noch eine letzte Tour. Von der Hitze geschafft, treten wir den Rückweg zum Hotel Steingletscher an. Nach einem sehr guten Abendessen geht es weiter in Richtung Biwakplatz.

Tag 10: Das traurige Ende
Es ist zu Ende und wir fahren nach Hause. Das Frühstück nehmen wir an der Autobahnraststelle zu uns und sind gegen Mittag wieder daheim in Garching.


11.01.2006