Kletterfahrt der Jugend nach Südfrankreich, 31.08.-09.09.2001
Als die Idee zu dieser Fahrt geboren wurde, war es Herbst vergangenen Jahres. Wegen der Probleme mit den mobilen Untersätzen innerhalb der Jugend entschlossen wir uns, einen Kleinbus zu mieten. Auf meiner Suche nach dem billigsten Anbieter stieß ich auf den KJR München-Land. Jetzt musste es schnell gehen, denn die Teilnehmer mussten am nächsten Stammtisch gleich ihren Mietanteil als "Teilnehmerbetrag" bei mir abliefern, wenn wir das Auto haben wollten.
... Fast ein Jahr später ...
Es ist der 30. August 2001und der letzte Abend vor
unserer Abreise. Unser "Expeditionsteam" besteht aus acht Personen.
Mitten in die letzten Vorbereitungen platzt die Nachricht, dass Robert überraschend
keinen Urlaub erhalten hat. Wir sind also nur noch zu siebt. Nach einigen
Telefonaten und E-Mails meldet sich Mattias, und wir sind wieder ein achtköpfiges
Team.
01.September 2001
Neben dem Einklettern und Kennenlernen des
Gebietes steht als wichtiger Tagespunkt der Standplatzbau und das Umlenken von
Sportkletterrouten auf dem Programm. Die paar Meter, welche uns vom Sektor
"Racines du ceil" trennen sind schnell überwunden. Obwohl wir alle
klettern wollen, müssen ein paar einleitende Worte sein. Die wichtigste Regel
lautet, nicht gleich am ersten Tag die schwersten Touren klettern, da sonst im
Rest der Woche nichts mehr geht. Anschließend wiederholen wir die Möglichkeiten,
welche der Sichernde hat, um sich am unteren Standplatz selbst zu sichern. Auch
die Weiterentwicklung der Sicherheit des Kletternden hat in den letzten Jahren
Fortschritte gemacht. Am Ende der Tour wurde sich früher selbstgesichert und
anschließend das Seil durch die Umlenkung gefädelt. Wer das Seil nicht
fixierte, dem konnte es passieren, dass er urplötzlich ohne Seil an der
Umlenkung stand, und sein sichernder Seilpartner auch nicht wusste, was nun zu
tun sei. Ein kluger Kopf hat eine Methode gefunden, wie diese Situation
vermieden werden kann. Nachdem wir diese Art des Abbaus einer Tour noch geübt
hatten, konnte es endlich mit dem Klettern losgehen. Unsere vier Seilschaften
machten nun so manche Tour bis zum oberen sechsten Schwierigkeitsgrad. Mattias
(genannt Maze) und ich wollten durch den verführerischen Überhang (oberer
siebter Grad) klettern. Doch die innere Stimme verbot das, da wir ja nicht
unsere Kräfte gleich am ersten Tag verbrauchen wollten. Viele herrliche Stunden
später wechselten wir noch in den Sektor "Belleric" mit einigen sehr
schönen Mehrseillängentouren. Unsere bestehenden Seilschaften wurden aufgelöst
und jeder suchte sich einen "neuen" Kletterpartner. Maze biss sich
durch eine Tour im sechsten Grad. Eigentlich sollte diese über zwei Seillängen
gehen, doch mit genügend Material und einem 70-m-Seil wurde eine sehr lange
Sportklettertour daraus. Oh mein Gott - was war das! Eine schottische Seilschaft
neben uns katapultierte mich 25 Jahre der Sicherungsgeschichte zurück.
Schultersicherung, Seil um den Bauch gebunden und steigeisenfeste Bergschuhe
standen auf einmal neben mir. Diese Kuriosität wollte ich den anderen nicht
verheimlichen und so sorgte diese Seilschaft für ratloses Kopfschütteln.
02.September
Heute geht es zum Sektor "4 Heures Est".
Gestern abend bin ich noch mit Kilian hier her gegangen, um das Gelände zu
begutachten. Abseilen mit Kurzprusik ist das heutige Thema unserer Kurseinheit.
So wie ich von Manfred und Wolfgang an das Leiten eines Kurses geführt wurde,
habe ich mit Kilian gestern noch Theorie und Praxis geübt. Die Platten dieses
Sektors sind ein wahrer Genuss. Anja überrascht uns mit dem Vorstieg eines
"gewagten" Querganges. Nachdem wir uns gut eingeklettert haben, wollen
Kilian und ich an den "Quiquillon", um die längste Tour (sieben Seillängen)
dieses Gebietes zu klettern. Die Bewertung liegt bei VII-, wobei die Schlüsselseillänge
gleichzeitig der Ausstieg ist. Nachdem der Einstieg ausfindig gemacht ist, muss
ich feststellen, dass meine Kletterschuhe noch im Basislager am anderen Sektor
liegen. Ein paar Franzosen haben uns gesagt, dass die ganze Tour eingerichtet
ist. Ich stapfe also zurück und kann Bernd und Stefan gewinnen, mit uns die
Tour zu klettern. Alles läuft perfekt, und schon 2 Stunden später ist der
Gipfel erreicht. Als wir aufgebrochen sind, haben sich die anderen vier bald in
Richtung Campingplatz aufgemacht. Der lange Abstieg zurück ins Basislager
gestaltet sich etwas schwierig, aber auch diese Hürde können wir meistern.
Ausgetrocknet erreichen wir schließlich den Campingplatz.
03.September 2001
Den Abend zuvor haben alle bis auf Kilian und
mich beschlossen auszuschlafen. So sind diesen Morgen nur wir beide aufgestanden
und unterwegs zum Sektor "De l'ombre", wo wir uns mit den anderen
verabredet haben. Die sieben Touren hier sind alles Mehrseillängenunternehmungen.
Der plattige Fels ist sehr gewöhnungsbedürftig. So findet er auch bei den
anderen, die gegen Mittag hier eintreffen, kaum Gefallen. Die beiden schönsten
Seillängen führen im unteren siebten Grad über einen markanten
Steilaufschwung. Die Sonne hat ihren Höchststand erreicht, als sich ein Teil
der Mannschaft entschließt, wieder zum Auto zurückzukehren. Das gleiche
Viererteam, welches sich gestern durch die Hauptwand gekämpft hat, beschließt
“L’Ardèche” noch einen Besuch abzustatten. Bernd und Stefan nehmen sich
die logische Linie durch den linken Wandteil vor. Die vier Seillängen bewegen
sich zwischen dem fünften und sechsten Schwierigkeitsgrad. Kilian und ich
wollen auf direkter Linie den Gipfel erklimmen. Bereits die erste Seillänge
stellt unser Können voll auf die Probe. Froh bin ich schon, als ich nach der
sturzfreien Seillänge endlich "Stand" melden kann. Fast 45m musste
ich im unteren siebten Grad zurücklegen, ehe der erste Standplatz erreicht ist.
Die zweite Seillänge ist laut Topo wesentlich einfacher - aber nur laut Topo!
Kilian kann gerade noch den dritten Haken der linken Variante klincken, doch
dann steht er vor einer geschlossenen Platte. Da hilft nur eines - Rückzug und
Vorsteigerwechsel. Nun liegt es also an mir, den Plattenpanzer zu überwinden.
Nach kurzer Besprechung liegt nun unsere neue Taktik fest. Ich werde bis zur
markanten Platte der rechten Variante folgen und weiter oben in die mittlere
wechseln. So können wir die Schwierigkeiten auf VII+ reduzieren. Ich steige bis
zum Plattenpanzer, ehe dieser auch mir den Weiterweg verweigert. Nun werden alle
Register der alpinen Trickkiste gezogen, doch auch für mich ist irgendwann im
Plattenpanzer kein Weiterkommen mehr möglich, es sei denn, ich würde bei diesen Bohrhakenabständen einen 16 Meter Freiflug
riskieren. Da "Opa Schlumpf", wie
ich inzwischen genannt werde, aber lieber wieder im Ganzen unten ankommen möchte,
ziehe ich mich langsam zu meinem Sicherungpartner zurück. Den Rest des Tages
verbringen wir sonnend am Campinplatz.
04. September 2001
Heute Nacht hat es geregnet, und die Wolken hängen
noch tief über den Felsen von Orpierre. Das Tourenprogramm sah zwar erst für
morgen den Gebietswechsel vor, aber so können wir den Tag wenigstens noch
nutzen. Alles eingepackt und los geht es nach Buis -de- Baronnies. Für das nur
60 Kilometer entfernte Gebiet brauchen wir fast zwei Stunden, da es auf
kleinsten Straßen über zwei Bergkämme geht. Nachdem wir uns in der Ortschaft
sämtliche Campingplätze angesehen haben, entscheiden wir uns für den, der den
Felsen am nächsten liegt. Inzwischen strahlt uns die Sonne wieder entgegen und
so ziehen wir nach kurzer Mittagspause los. Erst vor kurzem wurden hier ein
kinder- und ein anfängergerechter Sektor eingerichtet. Besonders der
Kindersektor hat es einigen von uns angetan. Die Touren sind perfekt mit
Bohrhaken ausgestattet, und so kommen einige von uns zu ihrem ersten Vorstieg.
Vielleicht war es der Frust des gestrigen Tages, welcher Kilian anspornte sich
einer der schwersten Touren in diesem Sektor hinzugeben. Bis zur oberen
Umlenkung waren immerhin 20 Meter im achten Schwierigkeitsgrad zu überwinden.
Mit stolzgeschwellter Brust erreichte er wieder den Boden. Bei manchem von uns
sorgte das für Belustigung, denn gestern war er in einer wesentlich einfacheren
Seillänge gescheitert und nun heute dies!
05. September 2001
Für manchen wieder einmal viel zu früh brechen
wir auf, um der "Rocher de Tchernobyl" unsere Aufwartung zu machen.
Die Touren hier sind bestens abgesicherte Sportkletterrouten, so dass sich auch
unsere gestrigen Vorsteigerneulinge wieder einige Touren zutrauen. Genussvolle
Plattenkletterei ist hier angesagt. Nach dem gestrigen Tag drängt es aber auch
wieder manchen von uns zu neuen Taten. Nach einer etwas alpineren Seillänge
muss ich am letzten Haken vor der Umlenkung abbauen. In dieser Platte ist kein
Fortkommen mehr möglich. Außerdem bin ich ehe kein Freund von solchen
Schleichereien. Ein satter Überhang, wo man Kraft braucht, ist da schon eher
etwas für mich. Aus diesem Grund wechseln wir dann zur
"Sonnenterrasse" dieses Gebietes. Lange Seillängen von bis zu 32m
und anspruchsvolle Wandkletterei sind hier zu finden. Schnell ist die alte Form
wiedergefunden und die Seillängen laufen uns nur so von der Hand. Zufrieden mit
uns kehren wir zum Campingplatz zurück. Abends gibt es wieder französisches
Stangenbrot. Unser Brotverbrauch pro Kopf ist inzwischen auf 1,5 Stangen pro Tag
gestiegen.
06.September 2001
Nicht weit weg vom Campingplatz stehen die
"Brotscheiben" oder auch "Rocher de Saint Julien" genannt.
Das Gebiet hat zwar keine besonders leichten Touren, dafür aber besonders
interessante Kletterstellen. Nur die Bewertung ist manchmal etwas eigenartig.
Als erste Tour haben wir uns die ausgesucht, welche zur markanten Grotte führt.
Nicht wegen der Schwierigkeit, sondern wegen der originellen Kletterstelle. Kurz
vor dem ersten Standplatz durchsteigt man einen ca. 5m langen Tunnel. Jeder
kann hier je nach Lust und Laune klettern. Kilian und ich geben uns diesen Tag
15 Seillängen im sechsten Grad. Bernd und Stefan wollen zum Abschluss noch eine
selbstabzusichernde Route probieren. Die Risse sind aber sehr klemmkeilfeindlich
und so stehen sie nach kurzer Weile wieder bei uns im Basislager. Nur wenigen
hat dieses Gebiet nicht gefallen. Darunter waren vor allem unsere
Vorsteigerneulinge. Sie hatten sich erhofft, hier die ein oder andere Mehrseillängentour
für sich selbst zu durchsteigen. Die Absicherung an der "Rocher de Saint
Julien" ist aber anders,
als
sie es bislang gewohnt sind. Weite Hakenabstände und die Suche nach dem
richtigen Wegverlauf
sind der Guten
zwei zuviel.
07.September 2001
Nach dem gestrigen harten Klettertag verordne
ich einen Tag Ruhepause für Kilian und mich. Besonders bei Jugendlichen besteht
die Gefahr der Überlastung, und die letzten Tage waren alles andere als
fingerschonend. Wir verbringen diesen Tag als "Sicherungssklaven", können
dadurch aber unsere Akkus für den letzten Klettertag auffüllen. Maze möchte
endlich eine Tour im unteren siebten Grad sturzfrei durchsteigen, und es gelingt
ihm auch gleich im ersten Anlauf! Ein Teil ist wieder in den Kindersektor
gezogen. Besonders Alex (alias McGyver) haben es diese Touren besonders angetan.
Während ich so von einer Seilschaft zur anderen wandere, finde ich einen
weiteren Kindersektor und auch dieser begeistert Alex. Lange konnten wir das
aber vor den anderen nicht geheim halten und so trudeln langsam immer mehr von
uns hier ein. Inzwischen haben Bernd und Maze eine Seilschaft gebildet, und ich
bin am anderen Seilende von Tina. Wir beide verlassen die anderen und gehen zur
Sonnenterrasse. Direkt am Beginn des oberen Sektors gibt es einige sehr schöne
längere Seillängen. Tina hat auch gerade angefangen das scharfe Seillende für
sich zu entdecken. Drei Touren kann sie hier oben durchsteigen, ehe wir den
nahen Fluss für uns entdecken. Als das Wort "Pause" langsam die Runde
macht, finden sich alle hier ein. Es dauert auch nicht lange, bis wir planschend
in den Fluten des eisigen Gebirgsbaches liegen.
08.September 2001
Heute trennen sich unsere Wege. Ein Teil will
wieder in das gestrige Gebiet, während die anderen lieber an den
"Brotscheiben" klettern wollen. Am letzten Klettertag lautet die
Devise: "Klettern bis die Finger durch sind". Gleich die erste Tour
ist mehr als nur zum Aufwärmen. Der untere siebte Grad ist gefragt und geht
nach dem Ruhetag erstaunlich leicht von der Hand. Wie so oft stellen Kilian und
ich fest, dass die Seillängen mit schlechter Absicherung oder weiten Hakenabständen
mir gehören. Die Abschlussverschneidung ist fast 30m hoch und im oberen
sechsten Grad bei zum Teil beachtlichen Hakenabständen. Als Kilian mich sieht,
wie ich mich so langsam nach oben schiebe, meint er nur: "Die Seillänge
ist bestimmt toll zum Nachsteigen". Aber der Spieß kann auch umgedreht
werden. Die Nachbartour steige ich bis zum Standplatz unterhalb der
Verschneidung vor und freue mich mit der gleichen Schadenfreude auf eine
herrliche Verschneidungsseillänge. Zum Tagesabschluss suchen wir uns noch einen
Genusshammer heraus. Durch die Sanierung hat sich der Routenverlauf gegenüber
dem Topo geändert und ist auch um einiges schwerer geworden. Zufrieden mit uns
und unserer Leistung seilen wir zum Basislager ab. Auch Stefen und Bernd haben
sich heute nicht besonders geschont, so dass wir am frühen Nachmittag die
anderen wieder am Campingplatz antreffen.
09.September
Nach einer langen Heimreise reinigen wir noch
das Mietauto und schließen den Urlaub mit einer Pizza im Garchinger Roma ab.
06.06.2005