DAV Sektion Garching: Tourenberichte 2000

Bergell, 10.-18.9.2000

Als Eingehtour ist der Südhang über dem Tal bestimmt. Mit dem Bus nach Casaccia (1458m), von dort nach Soglio, mit dem Bus nach Premontogno zurück. Schon gleich zu Beginn der Wanderung macht uns ein Schild darauf aufmerksam, dass wir uns auf einem historischen Weg befinden, dem Zugang zum Septimer-Pass der alten Römer. Das Pflaster unter unseren Füßen: Wer mag da schon alles gegangen sein vor uns? Nach einer Weile zweigen wir ab und folgen dem Tal der Maira aufwärts bis zur Alpe Maroz Dora und Maroz Dent (2035m). Wobei unser Führer als des Rätoromanischen halbwegs mächtig uns erklärt, dass dora vorne und dent hinten heißt. Klar, das Gelände sieht auch danach aus. Viele niedliche Kühe, die mit den Samtohren und den rosa Mäulern, können wir begrüßen. Steil über einen Wiesenhang klimmen wir hinauf zum Val da Cam, einer öden, grasigen Hochfläche. Der Wind bläst uns ins Gesicht und er führt Nebel und Feuchtigkeit mit sich – keine gemütliche Brotzeit in Sicht. Außerdem wollten wir von hier oben aus das gegenüberliegende Gelände in Augenschein nehmen, das wir ab morgen zu durchqueren gedenken. Einige Wolkenlöcher geben den Blick frei auf gewaltige, steile Felszacken, die aus mächtigen Gletschern herausragen. Begriffe wie Badile, Bügeleisenkante, Fornogletscher, schwirren durch die Luft. Weiter hinunter zum Lac da Cam, auch dort wallt es uns grau aus dem Tal entgegen. Wir sind entschieden zu hoch hinauf gestiegen, denn der Höhenweg nach Soglio verläuft weiter unten, er war aber für unsere Zwecke nicht gut genug. Es findet sich weiter unten eine Wiese, die etwas Wärme und vorübergehenden Sonnenschein verspricht, wo wir uns mit einer Brotzeit laben. Plan-Lo heißt das, und jetzt taucht das erste verfallene Almhaus auf.

Wunderschön schlängelt sich der Weg am Hang entlang, die Vegetation nimmt zu, es wird richtig sonnig und warm, bis Cadrin (2127m) laufen wir noch ein Stückchen. Eine zugewachsene Almsiedlung, stabile Blockhäuser, aber verlassen. Irgendwie geht es kaum bergab, und wir wollen doch nach Soglio, das auf 1097m liegt. Die letzten Höhenmeter werden sicher grausam steil, entweder kommt ein Zickzack oder Stufen. Löbbia, Plän Vest, Tombal, das GPS zeigt alle Punkte genau an, wir durcheilen die malerischen Siedlungen im Sauseschritt. Manche Häuser werden offensichtlich zum Wochenende genutzt. Irgendwann ist auch Soglio zu sehen, tief unter uns. Was hilft’s, hinunter müssen wir – ah! wenn wir Flügel hätten! Noch 168m, wir sind auf Kirchturmhöhe, ein Weglein durch die Kastanien, Soglio ist erreicht. Dort gibt es einen herrlichen steinernen Brunnen, an dem wir uns innen und außen erfrischen. Vor allem die Armbäder nach Sebastian Kneipp, die uns Elisabeth empfiehlt und vormacht, tun ihre gute Wirkung.

Der Dienstagmorgen zeigt sich etwas verhangen, und so beschließt unser Führer, dass wir den Aufstieg zur Sciora-Hütte doch schon im Tal beginnen. Das Dorf ist noch ganz still, die Luft würzig, Richtung Bondo beginnt der Weg den Wald hinauf. Besagte Forststraße bringt uns voran, den Bondasca Bach immer zur Seite. Schön ist es hier, reißendes Wasser, üppiges Grün, und es riecht gut, fast so wie in Griechenland. Wacholder wächst hier üppig, die Landschaft ist sehr abwechslungsreich. Es beginnt zu tröpfeln, später geht es nicht mehr ohne Regenumhang. Das Trubinasca-Tal und die Sasc-Furä-Hütte lassen wir rechts liegen. Die vielen Blaubeeren am Wegesrand wollen gekostet sein, und die Aussicht wird immer spektakulärer. Wir kommen in schrofiges Gelände, ein weiter Kessel tut sich auf, eingerahmt von leuchtenden Gletschern. Dann die Capanna di Sciora (2118m), nicht groß, aber gepflegt und mit einem perfekten Service. Der Tag ist noch jung, die Wolken haben sich verzogen, und wir faulenzen ausgiebig um die ganze Hütte herum, drehen alle unsere Körperebenen der Sonne entgegen. Dann gilt es noch die verschiedenen Sciora Gipfel zu identifizieren. Dafora und Dadent – wie gestern vorderer und hinterer Gipfel – Bondasca, Cengalo, Badile ganz nah, mit den dazu gehörenden Gletschern. Schließlich brauchen wir Kraft für morgen, das steht auch in dem Artikel einer alpinen Zeitung, den wir schon vor Wochen gelesen haben. Denn der Aufstieg zum Cacciabella Pass, soll der schwierigste Teil der Tour sein. Es kribbelt im Bauch, und ich stelle mir wieder einmal die Frage, warum ich das alles auf mich nehme.

Kurz nach acht pendelt sich ein als Aufbruchszeit. Die gastliche Hütte wird immer kleiner unter uns, bis sie eins wird mit dem Gestein. Es folgt ein kleines Schneefeld. Gemäß meinem Vorsatz, ein Schneefeld, dessen Ende ich nicht sehen kann, nur mit Eisen an den Füßen zu betreten, befestige ich die Grödeln an den Stiefeln. Den Helm gegen Steinschlag gleich auf den Kopf, damit er nicht davon saust wie der Helm von Henning vor ein paar Minuten. Schrecklich, ein wehrloses Teil so fallen zu sehen. Damit sind wir am Fuße des Cacciabella-Passes. Die Jugendgruppe aus der Hütte möchte vor uns gehen. Ziemlich bröckelig, das Gestein, dann Felsen, ziemlich groß und glatt. Jetzt ist die gute Armkraft gefragt, denn da hängt ein dickes rotes Seil, an dem man sich empor ziehen muss. Die Füße finden wenig Halt. Breit auseinander gehen soll ich auch noch, dazu mich vom Felsen abstemmen, es gelingt mit Ächzen und Stöhnen, nur nicht loslassen! Die Verschneidung ist geschafft, das Seil zwischen die Füße genommen, ein bisschen bin ich hin und her gebaumelt. Es folgt eine Querung, in der zusätzlich auch Stahlseile hängen. Das rote Seil ist ziemlich schlabberig, aber besser als gar kein Halt. Dicke Blöcke wollen überwunden werden. Geschafft, die Passhöhe (2934m), auf der wir gar nicht alle Platz haben.

Der Weg hinab ist etwas leichter, aber genauso bröckelig, und man muss sich jeden Schritt aussuchen, ausrutschen darf man nicht. Wir gehen dicht hinter- oder besser übereinander, um dem Steinschlag auszuweichen, den wir selber produzieren. Auf einer großen Felszacke wie ein Hahnenkamm belohnen wir uns mit einer ordentlichen Mittagsrast. Die Jugendgruppe ist auch schon da und produziert Szenen für die schauerlichsten Fotos, zum Vorzeigen später zu Hause. Es dauert ein Weilchen, bis wir zum Albigna Stausee hinabgestiegen sind. Die Blockkletterei ist anstrengend und lang. Zum Schluss noch eine tief eingeschnittene Schlucht, die wir ausgehen und zum Schluss überqueren müssen und in der ein Seil für’s Glatteis hängt. Vom Gelände her verläuft unser Weg ja hoch über dem Tal, das mit dem Wasser des Stausees gefüllt ist. Endlich die Staumauer, unsere englischen Weggefährten sind auch schon da und knabbern Chips. Der Lagh da l’Albigna ist riesengroß und seine Staumauer gewaltig. In den fünfziger Jahren hat man solche Monumente gebaut. Im Inneren der Staumauer kann man mit dem Auto herumfahren, unterhalb endet eine Kabinenbahn mit Sprechfunkverbindung, mit der man z.B. bei schlechtem Wetter die Tour unterbrechen könnte.

Doch wir haben herrliches Wetter, laufen über die Staumauer auf die andere Talseite und von da zur Albigna Hütte (2336m) hinauf. Weil es so schön ist, machen Elisabeth und ich noch eine extra Runde um die Hütte auf den rostigen Wasserleitungsrohren. Nach Auskunft von Jo soll diese Hütte noch schöner sein als die Sciora. Leider ist sie im Moment aber eine Baustelle. Die Waschgelegenheit hat keine Tür, ein ungehobelter Bauarbeiter schaut uns beim Waschen zu. Die Klos haben aber Türen, auch die französischen. Auch hier gutes Essen und freundliche Wirtsleute. In der Koje liege ich zwischen Elisabeth und Jo. Beide atmen geräuschvoll, wobei ich Jo immer wieder zum umdrehen animieren muss, damit er nicht laut schnarcht und die anderen weckt. So schlafe ich kaum. Das wird mir irgendwann zu dumm, und ich ziehe aus auf das Matratzenlager vor der Tür. Dort schlafe ich wunderbar. "Du hast Dich so klein gemacht letzte Nacht", bemerkt Elisabeth nicht zu Unrecht anderntags.

Von der Capanna da l’Albigna brechen wir auf zum Pass da Casnil. Zunächst im Schatten, nach dem Schneefeld sollen wir uns rechts halten, sagt der Hüttenwirt, obwohl die Markierung geradeaus zum Nordpass zeigt. Auch hier sieht man den dramatischen Rückgang der Gletscher. Wir kommen doch mehr beim Casnil Nord (2975m) heraus, queren aber ohne Probleme zum Casnil Sud (2941m). Es ist nicht so schwer wie gestern, aber auch viel Blockkletterei. Zwei kleine Seen, vorbei an einem geschrumpften Schneefeld. Auf der anderen Seite sind die Reste eines großen Gletschers auszumachen, über die wir uns hinabtasten. Seitlich rumort das Wasser, und es gibt einige schöne Gletschermühlen im Eis zu bestaunen. Ganz steil und rutschig geht es weiter hinab, und beim umdrehen verwehrt eine Geröllbarriere schon den Blick auf den Gletscher, den wir gerade herab gekommen sind. Weiter hinab zum Fornogletscher. Auf den letzten Metern ist das Geröll schon mit Eis unterfüttert, und man tut gut daran, nicht auszurutschen. Der Abstieg vom Casnil-Pass endet direkt am Fornogletscher.

Der ist flach und leicht zu überqueren an dieser Stelle. Die Helden aus der Gruppe gehen mit "bloßen" Schuhen hinüber, denn im Sonnenschein ist das Eis aufgeweicht und bildet große Kristalle, die beim zertreten schön knirschen. Bläulich schimmern kleine Gletscherspalten. Eingedenk der Erfahrung mit Taro an der Weißkugel, trage ich meine Grödeln und freue mich. An dem auf und ab der Eishügel – ihre Form erinnert an die Dünen der Wüste – die glitzernde Helle, das Springen auf die nächste Erhebung, das Eingraben der Eisen auch wenn der Sprung nicht lang genug war und ich trotzdem nicht abrutsche. Plötzlich ein großes Loch im Eis, gurgelnde Wasser, ein versinkender Stein, vorsichtig herumgehen um diese Stelle, sie könnte ja hohl sein. Der Weg über den Gletscher ist länger als wir uns gedacht haben, denn die Eisfläche ist gewölbt und man sieht deshalb nur bis zur Mitte der Eismassen. Dort zieht sich eine dunkle Spur von großen Steinen aus dem Gletscherursprung herab. Weil es nicht steil ist, kann man sich auch einmal umdrehen und die gegenüberliegenden Hänge begutachten und nach rechts bis ins hinterste Gletschertal die Bahn der Eismassen verfolgen. Es ist atemberaubend schön, und ich denke, dass ich in diesem Moment etwa zehntausend Jahre alt bin. An der Seitenmoräne angekommen, gehe ich auch im Geröll noch ein Weilchen mit den Eisen weiter, denn es ist immer glatt unter dem Schutt, was die Leichtsinnigen auch zu spüren bekommen. Ein großer Gletschertisch ragt aus den Felsblöcken: ein ca. 4m² großer Granitdeckel hat verhindert, dass das Eis unter ihm schmelzen konnte. Drum herum ist alles getaut und weggeflossen, so dass er alleine stehen geblieben ist auf dem Eisstengel. Schaut aus wie ein großer Pilz, irgendwie schaurig schön.

Die letzte blau-weiße Markierung am Gletscherrand zeigt uns den Hüttenanstieg zur Forno-Hütte. Steil und heiß in der Sonne, die Hütte ist sehr schön mit ihren großen Granitmauern. Auf der Sonnenterrasse schweift der Blick über neun große Gletscher ringsum, das Nährgebiet des Fornogletschers. Bis fast halb sieben sitzen wir und schauen, aufgepäppelt von diversen Bieren, Radlerhalben, Kaffee und dem üppigsten Engadiner Nusskuchen, dem ich je begegnet bin. Keine flache Torte, sondern ein hoher Kastenkuchen mit dementsprechend hohem Nuss-/Honiganteil!

In der Nacht muss ich raus und luge durch die Kellerklotür zum Himmel hinauf. Aha, ziemlich bewölkt, wird wohl nix mit der Tour morgen. Befriedigt schlafe ich weiter in unserer Koje. Bis mich ein sanftes Rütteln an den Füßen weckt. Es ist noch dunkel, also doch nicht ausschlafen ... Der Himmel ist wieder blank, also gehen wir doch ... Wenigstens ist der Rucksack leichter, weil das Schlafzeug in der Hütte bleibt. Gleich neben der Hütte ein glatter Felsblock mit festhalten. Weiter über Granitblöcke aufwärts. Der im Führer beschriebene Gletscher ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Wieder mehr Blockkletterei, bis auf den Forno-Pass, Sella del Forno (2768m). Es hat sich gelohnt hier herauf, denn man schaut ins andere Tal, auf ein dunkles Massiv, weiße Wolkenfetzen steigen auf, der versprochene Berninablick ist verhangen. Es weht ein kalter Wind, und der Himmel bedeckt sich schnell. Dort oben bis zur Markierung, da gehen wir noch. Ach nein, bis hierher war es nicht schwer, die Sicht grandios, damit bin ich zufrieden, ich mag mich heute nicht anstrengen. Jo entschließt sich sichtlich erleichtert zu meiner Begleitung. Zwei kleine Negerlein weniger auf dem Weg zum Gipfel, der Cima del Forno. Von der Überschreitung bis zum Malojapass haben wir sowieso Abstand genommen.

Nach gut zwei Stunden sind wir wieder an der Hütte, gerade rechtzeitig vor dem ersten Regenguss. Einige Hagelkörner sind auch dabei. Nur die Hüttenwirtinnen sind noch da. Gemütlich packen wir unsere Rucksäcke, warten auf Henning und Elisabeth, bis uns klar wird, dass mit dem guten Wetter für heute wohl Schluss ist. Was man in der Nacht ja schon ahnen konnte. Botschaft bei der Hüttenwirtin zurücklassen und aufbrechen. Ich frage sie noch danach, wie man am besten den Gletscher überquert, denn der Weg ins Tal verläuft anders als der Weg von der Scharte herab. Ihre Empfehlung: "Ich gehe immer diagonal, es gibt Markierungen. Man muss sehen, dass man auf die andere Talseite kommt. Das Problem ist der Bach, den kann man nicht überqueren. Zieht Steigeisen an, denn bei Regen ist der Gletscher rutschig."

Ich habe mir schon in der Hütte überlegt, wie ich im Regen am besten die Grödeln an die Füße bekomme und deshalb das gelbe Säckchen außen an den Rucksack gehängt, Regencape darüber. Schon auf dem Weg hinab regnet es richtig. Noch im eisigen Geröll befestige ich die Grödeln und sage Jo, dass er das auch tun soll. Das mache ich erst bei Bedarf ist die lakonische Auskunft, schon auf dem Eis stehend. So kommt man natürlich nicht vorwärts, und das ist aber nötig, weil es jetzt donnert. Wir sind mitten auf dem Gletscher im Gewitter, fehlt bloß noch ein krachender Blitz. Jetzt scheint doch Bedarf an Hilfseisen zu sein, denn Jo nimmt den Rucksack herunter, sucht seine Eisen, die natürlich weiter unten vergraben sind, und wir verlieren 10 wertvolle Minuten. Aus dem Gletschergrund dringen immer schwärzere Wolkenmassen, der Donner ist nah, der einzige Lichtblick sind die Markierungen, die wir immer rechtzeitig entdecken. Jetzt sehe ich weit unten am Bach die Gruppe, die lange vor uns aufgebrochen ist. Unwillkürlich gehe ich in ihre Richtung und sehe keine Markierung mehr. Kunststück, da ist ja auch links die Randkluft. Leider kommt noch ein zweite dazu, und sie werden breiter und tiefer, richtige Gletscherspalten eben. Jo ist hinter mir und winkt mit dem Stock, dass ich aufsteigen soll. Dort ist auch wieder ein Holzstock und ein Eisenstab, aber die Spalte ist immer noch zu breit zum überspringen. Dort liegt ein großer Steinriegel quer, aber er ist dreieckig, und mit den Eisen rutsche ich ab, wenn ich darüber gehe. Soll ich reiten über dem Abgrund? Eine hilfreiche Hand und ein Schwung lösen das Problem. Wir haben es geschafft und die andere Talseite erreicht. Jetzt nix wie hinunter! Plötzlich kracht es so, wohl ein Steinschlag. Es kracht wieder so komisch – die leichte, weiße Wolke links von uns am Berghang ist geladen! Und wir müssen daran vorbei. Ein leichtes Lüftchen hebt das Wölkchen etwas höher, welch eine Erleichterung.

Insgesamt begleiten uns drei Gewitter talwärts, der Regen macht uns nichts aus, denn wir bewegen uns und sind warm. Bei den ersten Weidenbüschen müssen wir endlich etwas essen und trinken, ein großer Stein bietet Schutz vor dem Regen. Der Gletscherbach ist ein reißendes Wasser, tief, schnell und breit. Etwas weiter unten wird er von einer kleinen Staumauer gestoppt. Herrlich der Eintritt in die Almregion, ich begrüße die ersten Bäume und Blumen. Eine weite Fläche tut sich auf mit einer Märchenwiese, rötlich schimmert ein ausgedehntes Hochmoor, der erste Kuhfladen zeugt von menschlichen Aktivitäten. Es riecht nach Holzfeuer, in der Bergflanke hoch oben weiden Tiere, weiße, schwarze und braune. Geschieht dort, was uns der Hirte im Ortlergebiet letztes Jahr erzählt hat, daß Gemsen und Schafe, also Wild und Haustier, gemeinsam grasen? Zu viel Fantasie, denn ums Eck steht eine urige Alm, auf der man Ziegenkäse bekommt. Immerhin begegnen wir zwei wilden Männern mit Gewehren bei der Brotzeit, die Jagdsaison hat begonnen.

Ein stiller, malerischer Moorsee breitet sich aus, noch eine Bucht und noch eine, eine Bank als Zeichen der Zivilisation, und auf einem Felsvorsprung ein hübsches Haus. Sogar eine Gastwirtschaft, aber wir kehren nicht ein. Weiter im Regen, eine Forststraße, noch 3km laut GPS, was in natura bestimmt 4km macht, in einem großen Bogen hinab, erste Häuser, eine Brücke, eine Staumauer, altes Straßenpflaster, durch den Wald, man hört Autogeräusche, noch 150m laut GPS, das Gebüsch mündet direkt an der Straße am Malojapass. Ah, ein Kiosk, wo ist die Bushaltestelle, ein Stück die Straße hinauf, in einer halben Stunde fährt der Bus. Einkehren in dem vornehmen Hotel lohnt sich nicht, die Regenkleidung sitzt so fest, also setzen wir uns in die Pfütze auf der hölzernen Wartebank, halten den Regenschirm über uns und warten, ohne uns zu rühren. Eine Minute vor Abfahrt des Busses kommen zwei bekannte Gestalten heran, Henning und Elisabeth. Sie dachten, der Bus wäre ihnen davongefahren und sind dementsprechend froh. Ein bisschen wundern sich die Fahrgäste, als wir in den warmen Bus hinein brechen mit dem ganzen nassen Zeug. Genussvoll die Fahrt den Pass hinab nach Promontogno. Eine fabelhafte Woche!

Renate Saffert