DAV-Sektion Garching: Tourenberichte 2000


Ich wollte schon immer eine Skidurchquerung machen, um so mehr habe ich mich gefreut, als ich im Tourenprogramm von Fred las:

Ötztal Durchquerung 08. - 16. April 2000.

Da wollte ich unbedingt mit.

Fred, Eva, Armin, Werner, Peter L., Dirk und ich sind mit zwei Autos, zu unserem Ausgangspunkt in Obergurgl gefahren. Leider gibt es im ganzen Ort keine öffentlichen Parkplätze. Deshalb mussten die beiden Autofahrer wieder zwei Ortschaften zurück fahren, um die Autos für eine Woche abzustellen. Während der Wartezeit konnte sich der übrige Teil der Gruppe mit dem Vergleich von Größe und Gewicht der Rucksäcke beschäftigen. Die waren mit dem Proviant für eine Woche Skitour, davon vier Nächte in Winterräumen, sowie mit der Gletscherausrüstung ganz schön voll gepackt. Am beeindruckendsten war der von Dirk, 100 Liter groß türmte er sich weit über seinen Kopf auf – was da so alles drin war, haben wir im Laufe der Woche erfahren.

Fred und Peter kamen zurück und wir starteten gemeinsam in Richtung Langtalereck Hütte (2438m). Die ersten fast 600 Hm. hat man ganz schön gespürt mit der ungewohnten, schweren Last am Rücken! Nach einer Erfrischung auf der Hütte waren wir wieder in der Lage, einen "Ausgeher" auf den Hausberg Eiskögele (3228m) zu machen. Dort haben wir die ersten phantastischen Pulverschneehänge entdeckt – wow das war super!

Am nächsten Morgen sind wir weiter gezogen über den Gurgler Ferner auf der Suche nach unserem nächsten Quartier, dem Winterraum vom Hochwilde Haus (2866m). Die Eingangstür war total zugeschneit und nachdem wir mühsam mit unseren Schaufeln den Schnee weggeräumt hatten, stellten wir fest, dass der Winterraum im Nebenhaus war! (Fidelitas Hütte). Zum Glück war die Hütte leer und in kürzester Zeit – dank Eva – kam Rauch aus dem Kamin und wir machten es uns gemütlich. Lang ausruhen konnten wir uns allerdings nicht, denn wir hatten noch einen größeren "Ausgeher" vor. Das Wetter hatte sich im Richtung Hauptkamm etwas verschlechtert und allmählich kam Nebel auf. Oberhalb des Skidepots von der Hohe Wilde konnten wir, von Fred und Peter am Seil gesichert, auf den Nordgipfel (3461m) aufsteigen. Der Abstieg war in dichtestem Nebel und erforderte genaues Orientieren. Wir suchten lange bis wir den Sattel fanden, von dem der richtige Rückweg erkennbar war.

In der Früh packten wir alles zusammen und verließen unsere friedvolle "peaceful" und ruhige Hütte. Die nächste Etappe ging nach Westen in Richtung Schalfkogel Joch (3375m). Auf einmal sahen wir Kolonnen von Skitourengehern, die ebenfalls in Richtung Schalfkogel Joch strömten! Ob die alle auch zur Martin-Busch-Hütte wollten? Naja, auf jeden Fall kam die Sonne raus und wir konnten einen majestätischen Rückblick auf unser gestriges Ziel – die Hohe Wilde – genießen. Auf der Rückseite des Jochs war ein kurzer steiler Einstieg und dann eine perfekte Abfahrt über den ganzen Schalfferner Gletscher – Pulverschnee, optimale Hangneigungen bis in die Ewigkeit – was will man mehr!

Die Martin-Busch-Hütte war – wie befürchtet – sehr voll. Am nächsten Morgen wurde ich am Frühstückstisch mit "happy birthday to you….." sehr schön begrüßt und bekam auch eine Tafel Geburtstags-Schokolade aus dem überdimensionierten Rucksack. Ja, wieder ein Jahr älter und wieder ein wunderbarer Morgen. Draußen war die Sonne schon sichtbar und wir starteten relativ bald in Richtung Süd-Südwest. Zum Glück gingen die Skitouren – Kolonnen Richtung Similaun und wir Richtung Fineil Spitze. Nach der Abzweigung hatte die Hektik uns verlassen und wir hatten wieder herrliche Ruhe. Nach einer Geburtstags-Brotzeit an Ötzis Denkmal bestiegen wir die Fineil Spitze (3516m). Die Schneeverhältnisse waren optimal und Steigeisen waren nicht nötig. Beim Abstieg hat uns wieder der Nebel überrascht aber weiter unten war die Sicht wieder besser. Die letzte Abfahrt vor dem Gegenanstieg zu unserem nächsten Übernachtungsort ging über Südosthänge. Der nasse Schnee hatte schon angezogen und – oh je, hier hatte jeder natürlich seine eigene Technik. Viele Abfahrtsspuren hatten Ähnlichkeit mit Aufstiegspuren, aber Hauptsache, alle sind heil runtergekommen!

Wir erreichten den Winterraum von der unbewirtschafteten Hochjochhospiz Hütte (2412m) am späten Nachmittag. Mittlerweile waren wir ein eingespieltes Team, ohne viel Worte zu wechseln war jeder damit beschäftigt, die Hütte bewohnbar und gemütlich zu machen. Zuerst musste sie mit unseren Fellen, Hemden, Socken und diversen Ausrüstungsgegenständen dekoriert werden. Danach wurde der Ofen eingeheizt und sauberer Schnee geschaufelt für unser Teewasser und später die Nudelsuppe. Es wurde schnell dunkel und wir machten es uns am Tisch bequem, Dirk hatte unsere Abendsuppe mit einigen leckeren Überraschungen aus seinem Rucksack verstärkt. Plötzlich hörten wir draußen Geräusche. Ja, wir hatten Besuch, nämlich noch sechs Skitourengeher. Aber kein Problem – diese Hütte war für uns alle groß genug.

Am Morgen des fünften Tourentages hatte sich der Himmel wieder zugezogen. Wir räumten die Hütte und starteten im Richtung Nord-Nordwest. Wir mussten schauen, dass wir die Mittlere Guslar Spitze (3126m) erreichen konnten, solange genügend Sicht vorhanden war. Der Aufstieg begann schon relativ steil bis ca. 30 %, und wir mussten auch spuren. Das war für unsere starke Mannschaft kein Problem. Wir erreichten den Gipfel und konnten unser nächstes Ziel sondieren – die Vernagt Hütte (2753m). Wir hatten wieder eine genussvolle Tiefschneeabfahrt mit optimaler Hangneigung bis zum Hütteneingang. Da das Wetter an diesem Tag sich nicht bessern wollte, beschlossen wir, einen ruhigen Nachmittag auf der Hütte zu verbringen. Zum Abendessen gab es doppelte Portionen von Leberkäs und Bratkartoffeln und literweise Flüssigkeit – alles haben wir mit gutem Gewissen geschlemmt.

Am nächsten Tag war zu überlegen, ob wir bei der Wetterlage, die sich noch nicht gebessert hatte, überhaupt weiterziehen sollten? Nun, die Hütte war für den nächsten Abend schon reserviert und so starteten wir bei Nebel und leichtem Schneefall in Richtung Nordwesten zum Gr. Vernagt Ferner und änderten dann die Richtung auf Nord-Nordost über den Kl. Vernagt Ferner, um auf das Brochkogel Joch (3166 m) zu kommen. Auf der nächsten Teilstrecke mussten wir unterhalb der Wildspitze einen großen Gletscher überqueren, der möglicherweise auch Spalten hatte. Deswegen bildeten wir zwei Seilschaften, 1. Seilschaft: Peter, Fred, Eva und Dirk, 2. Seilschaft: Armin, Mercia und Werner. Und so tappten wir vorsichtig bei immer schlechterer Sicht über den Gletscher. Seit wir die Vernagt Hütte in der Früh verlassen hatten, waren wir ganz allein unterwegs. Das änderte sich allerdings rasch als wir das Mittelberg Joch (3166m) erreichten. Am Joch standen wir plötzlich mitten im Pitztaler Skigebiet. Wir packten unsere zwei Seile und die Felle in die Rucksäcke. Vor der Abfahrt ist ein Ski von Eva - mit hoher Geschwindigkeit die Piste alleine runter gesaust - aber zum Glück ist der Ski am Pistenrand ein paar hundert Meter weiter unten stecken geblieben.

Mit der gesamten Ausrüstung fuhren wir mit eleganten Parallelschwüngen die Piste runter. Der letzte Schwung war ein Einkehrschwung auf die Terrasse des Panorama Restaurants, um unseren großen Durst zu löschen. Danach mussten wir uns auf den etwa zweistündigen Weg zur Braunschweiger Hütte (2759m) machen, solange wir noch Tageslicht hatten. Die Hütte war nicht bewirtschaftet und zum Glück hatten wir wieder den Winterraum für uns ganz allein. Den Hausberg der Braunschweiger Hütte – Linker Fernerkogel (3278m) – hatten wir ebenfalls für uns allein. Was für ein Blick! Gigantische Pulver-Tiefschneehänge und keine Spur zu sehen. Dieser Berg wurde am Abend sondiert und am nächsten Morgen bei blauem Himmel und Sonnenschein erobert.

Nun waren wir leider fast am Ende der wunderbaren Skitourenwoche angekommen. Den letzten Abend verbrachten wir wieder im Winterraum der Braunschweiger Hütte. Werner und ich haben nachmittags einen kleinen "Ausgeher" wieder ins Pitztalskigebiet gemacht und konnten dort zwei Flaschen Rotwein ausfindig machen. Die haben wir abends auf der Hütte eingeschenkt und alle haben auf eine großartige Skidurchquerung, auf Fred und auf das sehr gut eingespielte Team angestoßen. In der Früh ließen wir all diese schönen Ötztaler Berge hinter uns und stiegen über zwei extrem steile Joche, zuerst über das Pitztaler Jöchl (3000m) und dann übers Östliche Pollesjoch, ebenfalls (3000m). konnten wir mit nun erheblich leichteren Rucksäcken, in perfekten Schwüngen mit großem Genuss erleben, soweit bis uns der Schnee ausging.

Mercia Barrett