Traumpfade und Klettersteige in den Belluneser Dolomiten (27.08. bis 01.09.2000)
Klettersteige - das musst Du auch mal ausprobieren. Und nur zwei in einer Woche, das scheint machbar. Also finde ich mich am Samstag pünktlich mit Auto am Maibaum ein. Ökologisch wie ökonomisch vorbildlich verstaut Guido die neun Teilnehmer in zwei Autos. Bei schönem Wetter geht es in flotter Fahrt über das Grödner Joch und Campolongo nach Alleghe. Bei einem gemeinsamen Café-Besuch stimmen sich alle auf die Tour ein.
Der Aufstieg ist gleich ordentlich steil, öfters können nur die Fußspitzen eingesetzt werden. Die Gruppe fällt auseinander, was den Schnellen zu längeren Pausen verhilft. Im Dunst sind die imponierenden Wände der Civetta über uns zu erkennen. Auf dem Rifugio Coldai lernen wir die wichtigste Grundlage für die Ernährung während der nächsten Woche kennen: Polenta! Abends sehen wir noch deutlich die Lichter im Tale, bevor wir hundemüde ins Bett fallen.
Am Montag sehen wir nichts, dafür hören wir den Regen auf dem Blechdach umso deutlicher: Anprobe der Klettersteigausrüstung ist angesagt. Schließlich hilft alles Warten auf Wetterbesserung nichts. Ein Rat des Hüttenwirts gibt den Ausschlag, Gurte und Karabiner verschwinden ganz unten im Rucksack und wir hangeln an der Wolkenuntergrenze entlang zum Rifugio Tissi. Als das Wetter besser wird, hält es den harten Kern unserer Damengruppe nicht mehr. Karen, Resi, Eva und Rosi stürmen Richtung Mont Alt di Pelsa. Für Guido, Günter, Regine und mich geht es geruhsam entlang der grandiosen Felskulisse zum Rifugio Vazzoler. Hans hat ein kleines Problem, das mit Karens Wundertropfen bekämpft wird. Leider wirken sie nur in ihrer Anwesenheit. Trotzdem erreichen wir die Hütte sehr früh und warten bei einem Roten auf die Bergfexe. Diese kommen nach zweieinhalb Stunden und haben eine sehr anstrengende Tour auf schlecht markierten Wegen hinter sich. Kein Wunder, dass es heute noch früher ins Bett geht. Zuvor lernen wir noch den "Mugo" kennen und schätzen (Kiefernzapfenschnaps).
Am Dienstag gehen wir in leichtem Auf und Ab an den Abbrüchen des La Moiazza-Stockes entlang. Zu Mittag Einkehr auf dem Rifugio Bruto Carestiato, wo wir den Cappuccino auf sonniger Terrasse genießen. Beim Abstieg zum Passo Duran ziehen Wolken auf, später fallen auch etliche Tropfen. Nach kurzem Marsch auf Asphalt haben wir wieder die Via Alta No 1 erreicht. In den treibenden Wolkenfetzen sehen die verwitterten Felsformationen besonders bizarr aus und verlocken zur Namensgebung. Unsere vier Renn-Damen halten sich weniger mit beschaulichem Landschaftsstudium auf und sind bald verschwunden, da hat auch das Seil im Rucksack nichts geholfen. Der Weg führt an ehemaligen Kasernen vorbei und ist unklar markiert. Nach kurzer Irritation ist aber die Restmannschaft wieder beieinander. Als wir den Rifugio Pramperet erreichen, überraschen uns nicht nur die dreistöckigen Betten sondern auch die erstaunliche Ruhe: das Renn-Quartett fehlt. Sie haben einen "Ausgeher" ins falsche Tal gemacht und tauchen nach einer guten Stunde wohlbehalten auf.
Am Mittwochmorgen erreichen wir nach kurzer Wanderung die Cima de Zita (2465m). Später lockt trotz aufkommender Wolken der Aufstieg auf den Talvena. Regine bewacht unten den nicht benötigten Inhalt unserer Rucksäcke. Nach weglosem Aufstieg auf einen Gras-bewachsenen Sattel geht es in grobem Geröll hinauf. Immer wieder poltern große Brocken laut zu Tale. Erst nach der Kammkante führt ein schmaler Weg zum Gipfel. Auf 2542m hätte man eine gute Sicht, wenn die Wolkenlöcher größer wären. So steigen wir bald ab, fotografieren noch schnell Edelweißbüschel und finden einen eleganteren Weg zu unserem Gepäck. Auf dem Weg zum Rifugio Pian de Fontana kreisen zwei Adler hoch über uns; von den Felswänden hallt ihr markanter Schrei wider. Die angenehme Rast auf der Hüttenveranda wird erst gegen Abend durch Regenwolken beendet. In der Hütte brennt anheimelnd ein Feuer im offenen Kamin. Eine weiß gedeckte Tafel bringt einen Hauch von Luxus in unser Bergwanderleben, Limonen- und Balsamicolikör ungewohnten Gaumenkitzel.
Donnerstag wird es ernst mit dem Klettersteig. Zunächst geht es im dampfigen Wald hinauf, ab etwa 2100m sind wir im Fels. Die Sicht beträgt wenige Meter, es nieselt bei ca. 5º C. Vorsichtshalber legen wir die Gurte an, bevor die Hände abfrieren. Die "Via ferrata Marmol" führt uns am Gipfel der Schiara vorbei. Unser höchster Punkt liegt bei 2325 m, dann erreichen wir den Bivacco di Marmol. Da wir dort recht eng sitzen, ist es zwar nicht gemütlich aber warm. Hervorzuheben ist der lehrbuchhafte Zustand des Klettersteiges: bombenfeste Edelstahlstifte, straff gespannte Drahtseile und umwickelte Seilenden. Günter geht als Letzter und betreut Regine ruhig und ausdauernd. Als wir den Rifugio 7º Alpini erreichen, beginnt es zu regnen. Bei Bratkartoffeln mit gebackenem Bergkäse tauen die Lebensgeister wieder auf, ganz zu schweigen vom Lustgefühl durch Pannacotta mit Heidelbeeren.
Am Freitag, dem Rückreisetag, ist die Sonne wieder voll da. Wir steigen zur Forchetta Oderz hinauf und sehen nun die zerklüfteten Felsen der Schiara, durch die wir gestern gehangelt sind, in ihrer vollen Dramatik. Nun beginnt ein ungepflegter Klettersteig: verbogene und ausgebrochene Haken, rostige oder aufgespreißelte Seile, die oft stark durchhängen. Die Gruppe zieht sich deutlich auseinander. Der Weg führt durch das düstere Val de Piero. Unter uns rauscht Gumpen-bildend der Wildbach. Schleierwasserfälle stürzen seitlich herab. Wenn der Pfad etwas kommoder wäre, könnte man das Naturschauspiel ungefährdeter würdigen.
Als wir bei La Stanga das Agordotal erreichen, kommt schon der Linienbus, der uns innerhalb einer Stunde nach Alleghe zurückbringt. Dort nehmen wir in einem Café bei leichter Kost Abschied und bedanken uns bei Guido, der langmütig unsere etwas heterogene Gruppe so gut durch diese uns unbekannte, schöne Ecke der Dolomiten geführt hat. Kurz nach der Abfahrt öffnet sich in einer Kehre der Blick auf die frisch verschneite Civetta: ein toller Abschlussblick.
Peter Heidl